
Fussballterror und Randale
Von Jonas Gempp
Die Ausnahme ist interessanter als der Normalfall. Das Normale beweist nichts, die Ausnahme beweist alles; sie bestätigt nicht nur die Regel, die Regel lebt überhaupt nur von der Ausnahme.
(Carl Schmitt)
Profi-Fußball und das Spektakel, das rund um ein Sportereignis wie dieses inszeniert wird, ist, wenig überraschend, im 21. Jahrhundert ein vollendet durchkapitalisiertes Vergnügen geworden. Fußball-Vereine agieren wie Konzerne, sind längst schon die professionellen Verwerter des Kulturproduktes Fußball. Der sportliche Aspekt ist das übrig gebliebene Anfangsmoment dieses Industriezweiges, ein scheinbar archaischer Ritus bei dem elf hoch bezahlte junge Männer gegen elf ähnlich gut bezahlte junge Männer antreten. Längst schon bestimmt das konsumistische Drumherum den Stadionbesuch. Diese Entwicklung ist logisch und notwendig, allerdings geht sie nicht mit einer Veränderung der Zuschauerstruktur einher. Zumindest nicht in dem Maße, wie das die Manager der Clubs gerne hätten.
Zwar hat sich durchaus auch ein Wandel des Publikums vollzogen, das hauptsächlich und am Liebsten als Kunde gesehen und dementsprechend behandelt wird, doch gibt es in den Fankurven des Landes eine nicht geringe Zahl an Menschen, die in der Fußballanhängerschaft mehr sehen als den bloßen Konsum gepaart mit ein wenig Lokalpatriotismus. Wochenende für Wochenende kommt es in und um Stadien zu Momenten, in denen die Normalität außer Kraft gesetzt ist und sich Hass und Gewalt entladen. Das kann zwar bei einem gewissen Alkoholpegel überall passieren, aber beim Fußball kommt ein Aspekt hinzu, der nicht zu unterschätzen ist und auch den Zusammenhang und die Verbindung der damals üblichen Straßenbanden (meist setzten diese sich aus pubertierenden Jungen zusammen) und dem aufkommenden Hooliganismus in westdeutschen Städten in den 80er Jahren erklärt, nämlich die Notwendigkeit, die anderen Gruppen, die Nicht-Identischen, zu bekämpfen.
Es gab im Laufe der Jahre und gibt immer wieder die Versuche zu beschreiben und vor allem zu erklären, was genau um ein Fußballspiel herum passiert. Geprägt sind diese Versuche durch die Moral des Bildungsbürgertums, welches Gewalt in ihrer Rohheit und direkten Art höchstens institutionalisiert und reglementiert beim Boxsport gut heißen mag. Sie verteufeln die Fußball-Randale und das Mob-Verhalten als etwas asoziales und von der Norm Abweichendes. Die Normierung und Legitimierung von Subkulturen hängt direkt mit der Gesellschaft zusammen, in der sich eine Gruppe bewegt. Da muss also auch nicht genau betrachtet oder gar differenziert werden, denn wer Gewalt als Mittel affirmiert, ist Teil eines Problems, aber daraus speist sich eben auch die Faszination. Der Ausbruch aus dem Normalen negiert die Regel. Die Ausnahme krönt einen jeden Stadionbesuch. Die härteste Kritik an solchem Denken kommt meist von der konservativen und der linken Seite. Die einen sehen ein deviantes, asoziales Verhalten; das Gewaltmonopol des Staates wird an einem Samstag in deutschen Stadien versucht außer Kraft zu setzen. Daher bedarf es eines rigorosen Vorgehens des Staates und der Polizei gegen Randalierer, Hooligans und überhaupt all jene, die das Stadion nicht in ihrer Funktion als Konsument eines sportkulturellen Produktes nutzen. Die Linke wiederum sieht einen faschistoiden Mob, in welchem sich der Einzelne auflöst; das überwiegend männliche (ein nicht zu unterschätzender Argumentationspunkt für kulturlinke Wissenschaftsimitatoren) Kollektiv und seine Interessen treten in den Vordergrund. Dazwischen gibt es noch eine ganze Menge unterschiedlicher Positionen.
Das Studentenfußballblättchen 11Freunde ergötzt sich gerne an den Aktionen der deutschen Ultragruppierungen, wenn diese „bunt“ und „kreativ“ sind oder erzählt Schoten aus der Jugend: wie man die alten Hooliganhauer beim ersten Stadionbesuch wahrgenommen hat oder wo die harten Knochen in der Kurve standen. Gewalt jedoch ist in und ums Stadion, so wie sich das für den gebildeten Humanisten gehört, verpönt. Den „modernen Fußball“ findet man nicht in Ordnung, dass Vereine Unternehmen sind, die sich nach jahrzehntelanger Feudal-Herrschaft von Kreissparkassendirektoren oder Ex-Fußballern, deren Hauptfähigkeit „Stallgeruch“ war, zu ganz banalen Unternehmungen entwickeln mussten, um überhaupt weiter existieren zu können, will keinem so wirklich in den Kopf. Aber auch, wenn dieser Konsens zwischen „Chaoten“ und ihren Bildungsbürgertumsfreunden kein sonderlich kluges Zeugnis über das Unverständnis gegenüber der Realität und der Verhältnisse abliefert, ist dieses letztendlich dann doch verbindendes Merkmal. Wie in einem oder besser jedem Lied der Prollrocker Böhse Onkelz ist man auf sich alleine gestellt, gegen die da oben. Denn die machen sowieso was sie wollen und so gibt sich ein regressives Rebellentum einen revolutionären Anstrich, bis zu einem gewissen Punkt sogar in Zusammenarbeit mit den an sich verhassten Studenten von 11Freunde und Co. Doch es geht noch viel schlimmer: Die konventionelle Sportpresse schimpft, von wenigen Ausnahmen abgesehen, auf die Chaoten und Krawallmacher, paraphrasiert die Polizeimeldungen, die Spieltag für Spieltag die obligatorischen Tränengas- und Knüppelorgien gegenüber den jeweiligen Gästefans nachträglich rechtfertigen und hat kein wirkliches Interesse an einer subkulturellen Kontextualisierung. Warum auch? Alle, die sich irgendwie anders verhalten, sind Fans in Anführungsstrichen, die Fußball nicht interessiert, so die einhellige Meinung nach jedem nicht konformen Fanverhalten. Lediglich alle paar Monate darf ein junger bis mitteljunger Nachwuchssportjournalist einen „differenzierten“ Artikel schreiben und zeigen, was er im Soziologie-Seminar gelernt hat; meistens zitiert er dann einen der größten Knallchargen im wissenschaftlichen Betrieb, nämlich Prof. Dr. Pilz, ein Sportsoziologe und Gewaltforscher aus Hannover, der zwar etwas mehr Durchblick als der hysterische Randale-Laie hat, aber dessen Kategorisierungen und Einschätzungen letztendlich doch nur der universitäre Arm der exekutiven Interessen darstellen und an der Realität oftmals vorbeigehen.
Aber glücklicherweise gibt es auch die uneingeschränkte und subjektive Affirmation des Erlebnisses Fußball. Diese Berichte findet man in Fanzines sowie im Internet. Die Qualität dieser Berichte ist meistens nicht sonderlich hoch, aber dennoch sind sie durchaus amüsant zu lesen: Neben wüsten Gegnerbeschimpfungen und Erlebnisberichten kann man dort nämlich herauslesen, welche Leidenschaft und Liebe der Kern der Gewalt sind. Die tiefe Zuneigung drückt sich in Hass und Gewalt gegen die Anderen aus, die diese Zuneigung und Liebe lächerlich machen und ihrerseits einem anderen Verein diese Zuneigung entgegenbringen. Fußball als proto-nationalistische Zusammenkunft ist die samstägliche Suche nach dem Ausnahmezustand.
Das gerne gesungene „Fußball interessiert uns nicht“ ist Wahrheit und Lüge zugleich. Jeder, der am Wochenende in voll gestopften Zügen oder unbequemen Bussen durch Deutschland gurkt, hat zweifelsfrei ein Interesse an seinem Verein und am Sport, doch darüber hinausgehend kann und soll dieses Basisinteresse Grundlage für samstägliche Revierstreitigkeiten sein. Der Krieg im Kleinen ist notwendige Fortführung gesellschaftlicher Kämpfe, mit dem Unterschied, dass die Gewalt roh, direkt und plakativ ist, kombiniert mit purem Vergnügen am Spektakel. Davon zehrt die Faszination und macht es den Kritikern in ihrem Kraftfeld aus Regelkunde und moralischem Bessermenschentum sehr einfach. Und auch, wenn die Verheißung selten erfüllt wird, so ist doch schon alleine die Möglichkeit der Erfüllung Antrieb genug seinem Club hinterher zu reisen und Freud und Leid mit anderen Verrückten zu teilen.
So be true to your school now
Just like you would to your girl or guy
Be true to your school now
And let your colors fly
Be true to your school
(The Beach Boys)
1 Antwort auf “Fussballterror und Randale”