Wie hat es eigentlich mit dem Kunstbetrieb auf sich? Bietet er Auswege aus gesellschaftlichen Miseren? Ist er lediglich ein Synonym für eine Ansammlung von weltfremden Kunstproduktmanagern und akademisierten Rezipienten, die sich in mafiösen Strukturen ihre Belanglosigkeiten zuschieben und durch Irrelevanz glänzen? LesK klären auf.
Sich auf die Kunst zuzubewegen, Kunst zu machen oder zumindest seine Lohnarbeit auf ihren Verkauf oder ihr appetitliches Arrangieren in Räumen zu verschieben, hat einige Vorteile: man lernt innerhalb kürzester Zeit Menschen sozial völlig grundlos an sich zu binden, entdeckt kritische Potentiale überall, wo… – nein, wirklich überall. Ein Hauch der Bohemé umweht die Artisten, ihr Leben ist irregulär, unberechenbar, exzessiv – bestimmt von unregelmäßigen Arbeitszeiten, schlechter oder keiner Bezahlung und flexibel angebotener körperlicher Verausgabung. Bevor der Hauch wieder verzieht, hält ihn jemand schnell im Namen fest: Digitale Bohemé zum Beispiel oder die Tatsache, dass inzwischen wirklich Alle irgendwie ‚kulturelle ProduzentInnen’ sind. Diese treibt sich im Spätkapitalismus nicht in Salons und Spelunken rum, sondern schießt als Dauerwerbesendung für die Einmannshow durch Netzwerke und Milchcafès.
Living on the edge – on the edge of Belanglosigkeit. Das zumindest ist die gesellschaftliche Rolle der Kunst in der Gegenwart, klassenspezifisch aufgeteilt nach musealer Konservierung fürs alternde Bürgertum oder nachgeborene Verspannte; galeristischer Kulinarität für ästhetizistische Airheads und unbezahlte Starfucker; institutionenkritische Unterkomplexität für aspirierende kulturelle ProduzentInnen auf der Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal oder neuerdings und nachgefragt: naivitätsbeschmierte Street Art für die Boyz und Girlz, die mit gutem Willen und Ehrlichkeit das Alternativprogramm von Unser-Kiez-soll-schöner-werden bestreiten – alle zusammen und ganz umsonst versteht sich. Ob die Belanglosigkeit der Kunst in der notorischen Harmlosigkeit ihrer Betreiber liegt oder diese aus ihr folgt, ist schwer zu sagen. Einzige negative Ausnahme der passiv –aggressiven Verblödung scheinen psychoterroristische Künstler und koks-cholerische Galeristen zu sein. Zwei Gruppen also mit der Potenz zur Selbstherrschaft innerhalb des kapitalistischen Marktes. Hier, im progressiven Zentrum neoliberaler Selbstherrschaft und Fremdwahrnehmung, schlägt Naivität in blinde Grausamkeit um: Da fragt ein Galerist erstaunt die eigens eingestellten Aushilfen und Angestellten: „Ach, ihr lebt allein von dem Geld, was ich euch zahle? Wow!“ Der Künstler weiß derweil zu dirigieren, dass „DU die Materialien alle noch viel sorgfältiger verarbeiten musst, weil meine Arbeit, die zeichnet sich durch ihre makellosen Oberflächen aus“. In der Gegenwartskunst ist die Arbeitsteilung inzwischen fast ausgeprägter als in der Massenproduktion, mit Ausnahme potenzgebieterischer Malerfürsten. Heerscharen von Assistenten recherchieren, bauen, produzieren und organisieren, während der Ichrest von Herr und Frau Künstler sich in wieder erkennbaren und stilsicheren Oberflächenstruktur spiegeln. Selbstproduzieren trägt in modernen Zeiten das anrüchige Flair des Kunsthandwerks und auch die Verarbeitung ist meistens schlechter. In besonderen Fällen kann es aber als Alleinstellungsmerkmal subjektivistischer Selbstüberhöhung wertsteigernd fungieren (bei Frauen gerne mit Körperbezug, bei Männern gern mit Frauenkörperbezug). Ist man künstlerisch jedoch fit für die Arbeitsteilung zwischen Kopf und Hand, nennt man das ‚konzeptuell arbeiten’. Seit der Conceptual Art der 1960er Jahre, die angetreten war den Warenstatus der Kunst aufzulösen, indem sie statt Objekte, Sprachfetzen, Töne, Performances und ähnlich Ephemeres in die Welt blies, ist zwar das Objekt nicht vom Warencharakter, aber der Warencharakter nun endlich vom Objektstatus befreit. Der Hang zum Körper und seine hochkulturelle Etablierung boomte in den späten 60er-Jahren: mit Scheiße; vaginal (carol schneeman), anal (wiener aktionismus) oder in dosen (piero manzoni), Scheiße war der Befreiungsschlag der 68er in der Kunst. So schön kann Natur sein und immer gleich. Aktuelle Begleitmusik spielen Künstlerinnen wie Jutta Koether, die in eines ihrer Lack-Glitter-Nullphilosophiebildern so dement einritzte: „subject = void“. Mit beeindruckender Konsistenz wird dieses Motto im Produktionsfeld Kunst verfolgt – Jutta Koether, die unfreiwillige Patin eines neuen Abbildrealismus. Gleichzeitig hat die Kunst entdeckt, dass politischer Anspruch sich extrem gut als Fleischvermittlung der Belanglosigkeitswiederholungen ihrer Objektwelt macht.
‚Was Politisches machen’, Arschlöcher wie Artur Zmiejewski überreden ehemalige KZ Insassen vor laufender Kamera, sich ihre damals aufgenötigte Nummer neu tätowieren zu lassen. Oliver Ressler stilisiert einen Demobesuch zum schlecht dokumentierten Subjektivismusspektakel mit moralischem Gehalt. ‚Wir’ waren dabei – und was machen ‚Wir’ jetzt? Eigentlich ist ja ohnehin alles politisch heutzutage. Diese Dichotomien zwischen links und rechts, Privatem und Politischem, Reflexion und Affirmation, das ist doch echt voll daneben, überholt und ideologisch. Statt das System anzugreifen, es also zuallererst beim Namen zu nennen, sucht man lieber poststrukturalistische kleine Nebenwege, kontrasexuelle zum Beispiel oder karnevaleske. Beim Namen nennen ist den Diskurscliffhangern gleichbedeutend mit ‚aus der Taufe heben’. So blöd ist man aber nicht, dass man per Sprache das System verdoppelt, man will weg, woanders hin und sein. Am besten wünschelt man Schleichwege aus, damit das System gar nicht merkt, dass man es kritisiert.
Die Kunst sendet die Bildchen zur klammheimlichen Befreiung: da Hirn gerade aus ist, ist mal wieder der Körper dran. Revolution allein durch Ficken und Ficken als grenzenlose Repeatschleife. We are all Duracellhäschen. Selbst die Farben stimmen, wirken irgendwie so ’verboten’. Daneben stehen auf Vernissage, Midissage und Finissage, leicht errötet und im besten fall koksgepanzert-körperlos Männer und manchmal Frauen fortgeschrittenen Alters, umringt von ihren jüngeren Ausgaben, die in unablässigen Accessoiredetails ihren Hang zur ‚Street’, ‚Sexiness’ oder irrgeleiteter Exzentrik ausagieren. Vor ihnen die Kunst: Kunst als Training für die Zumutungen und Zurichtungen konkurrenzgepeitschter, repetitiver Lebenswelt.
Die ‚Generation’, die 1968 zu spät kam, um den Nazi aus Papi rauszukuscheln und den Kapitalismus wegzulieben, verschlug es in einigen Fällen sogar in den 1980ern und 1990ern noch in Richtung Steinhagel. Heute fehlt die Aggression. Valium umsonst, egal ob in konzeptuellen oder malerischen Großformaten. Daniel Richter malt den Barmbecker (Arbeiter-)Aufstand von 1924 in Öl, Pastell und besserwisserischer Distanz. ‚In den 90ern, da war man noch politisch aktiv, ganz vorne mit dabei, ja, ja, aber heute – gibt es da überhaupt noch Nazis? Ist das nicht die alte Links-Rechts-Ideologie, ist die Antifa nicht einfach ein Testosteronverein?’ Wenn das so wäre, dann wäre der pragmatische Vorschlag, einfach mal das Antifaaktionsfeld um die Kulturlinke zu erweitern, die seit den Wohlfahrtsausschüssen der 1990er mit teils grenzenlosem Karrierewillen und andernorts ungesehenem Alltagsstalinismus den Weg an die Spitze der exzellierten Deutschen Hochkultur gebracht hat. Zitrusfrüchte ausgenommen, sind’s, ob harmlos flatternd in den Kunsthochschulen Frankfurts und Wiens oder weniger harmlos in der Presselandschaft nur nominell linker Tageszeitungen untergekommen, Mafiastrukturen die den Mob zusammenhalten. Dass man einmal ‚links’ war (wo immer das auch gewesen sein mag) ist heute feststehender Freifahrtschein dafür, sich noch mehr Sauereien als der Ottonormalbürger leisten zu dürfen – man ist ja immerhin und zum Beispiel die kritische Speerspitze mit ID-en. Alles geht – von Diffamierungskampagnen über handfeste Gewalt gegen Frauen – und zwar ganz umsonst.
Aber final zurück zur Speerspitze der Belanglosigkeit, zu denen, die Sex immerhin nicht mit Gewalt nehmen, sondern ihn einfach nur nicht haben. Unter denen, die ihre anämische Existenz im Kunstmark durch die Körper anderer Leute begehrenswerter zu machen versuchen, hat derzeit Martin Creed die größtformatige Kontemplationsvorlage am Start. Am 3.Mai 2007 bestaunte ein konzentriert, Schrägstrich, fasziniertes Publikum einen Videoloop, auf dem ein Arschfick in hochaufgelöster Nahaufnahme in ca. 8 × 8 m Format zu sehen war. Davor spielte ein Klassikorchester auf. Subjekte, runtergebrochen auf Körperfunktionen – warum nicht? Wenn in derselben Szene aufs Hirn reduziert würde, bliebe entschieden weniger übrig. Aber das die Kontemplation, die im Gros der Kunst auch schlicht in Langeweile umbenannt werden könnte, nun auch noch Wichsvorlagen so weit aufbläst, dass aller mögliche Dreck abfällt, lässt nurmehr eine spontane Reaktion als Wunschbild aufflackern: ein Überraschungs-Facial für alle Beteiligten. Frisch. When Porno turns into Art, fucking turns into Labour. Kunst ist eben nicht kostenlos – aber umsonst.
1 Antwort auf “Artshit: alles für alle und zwar umsonst”