Merkwürdige Mädchen


Illustration: Henrike Meyer

Das Repertoire der Filmfiguren ist mehr oder weniger festgelegt, die gleichen Charaktere werden mit minimalen Verschiebungen in den Darstellungen immer wieder neu durch dekliniert. Aber es gibt Hoffnung am Horizont der Horrorfilme, denn NINA SCHOLZ hat die Strange Girls entdeckt.

Virginia und Georgia Gruczechy haben seit Jahren mit niemandem gesprochen. Sie leben in der geschlossenen Anstalt Mayfield und sind eine Einheit, in die niemand von außen eindringen kann. Dennoch unternimmt die ehrgeizige Ärztin Dr. Karp den Versuch – und wird von ihnen umgebracht. Im Anschluss an den Mord wohnen die beiden in einem trostlosen Vorort von Pittsburgh und frönen ihren Hobbys: Sie bestellen Kataloge, Homemade-Pornos, schreiben Geschichten und schneiden Bilder übersinnlicher Phänomene aus. Ihre hermetische Welt wird das erste Mal wirklich durchbrochen, als sie sich auf den Weg machen, um nacheinander mit Jamal zu schlafen, der Virginia mehr Aufmerksamkeit widmet. Die Eifersucht von Georgia auf ihre Schwester ist geweckt. Im Laufe des Filmes bricht der Konflikt der beiden immer mehr auf: Georgia kämpft um die Nähe ihrer Schwester, während Virginia unter der Enge, aber vor allem unter dem Sadismus der Schwester leidet. Die Komplikationen der beiden erreichen ihren Höhepunkt als Max Posnick, ein pensionierter Polizist und Security-Angestellter, in der Mayfield-Klinik, die Schwestern des Mordes an Dr. Karp verdächtigt und Ermittlungen unternimmt.

Genau wie Virginia und Georgia bleiben auch die Schwestern Fitzgerald lieber unter sich. Die anderen Kinder in der Schule nerven; die Mädchen noch ein bisschen mehr als die Jungs und ihre Eltern sind fremdartige Wesen. Das Gerede der Mutter strengt an, dringt nicht zu ihnen durch. Auch sie haben ein gemeinsames Hobby: Ginger stellt Selbstmordszenen nach und Brigitte filmt sie dabei. Je morbider, desto besser. Während einer der Fototouren wird Ginger von einem Werwolf entführt und gebissen. Trotzdem Brigitte in Gingers Geheimnis eingeweiht ist, fühlt sie sich zunehmend alleine damit. Ginger fällt es schwer, mit den Veränderungen ihres Körpers umzugehen, wird sexueller und das erste Mal von Jungs wahrgenommen. Während ihre Eltern davon ausgehen, dass Ginger bloß ihre Periode bekommen hat, weiht Brigitte in der Schule den beliebten Sam ein, der mit einem Gegenmittel helfen will – in Gingers Augen der Verrat an ihrem Vertrauensverhältnis. Um Ginger nicht zu verlieren, lässt sich Brigitte auch in einen Werwolf verwandeln.

Die Feinde, mit denen sich die beiden Schwestern Bae Soo-Mi und Bae Soo-Yeon herumschlagen müssen, leben mit ihnen unter einem Dach. Gemeinsam mit ihrem passiven Vater und ihrer fiesen, fast schon klassisch bösen Schwiegermutter, bewohnen sie ein unheimliches Haus am Rande eines Kornfeldes. Hier werden sie von bösen Geistern bedroht, die nicht fassbar sind: Mal sind es bloß Schreie, dann wieder liegen tote Mädchen unter den Küchenmöbeln. Soo-Yeon reagiert auf diese bedrohliche Welt zurückhaltend, Soo-Mi wehrt sich, schreit, streitet und beschützt die kleine Schwester. Doch hier sind es keine Eindringlinge, die die hermetische Welt der beiden Schwestern stören, sondern es ist die Realität selbst, die das Leben der beiden zerstört: Soo-Mi muss einsehen, dass sie ihre kleine Schwester Soo-Yeon nicht beschützen kann, denn sie ist am selben Tag wie die Mutter gestorben, ihre Schwester ist bloß noch eine Einbildung und Soo-Mi für immer alleine.

„She just doesn’t understand that Virgina and my love for another is a shield of amour. Our wills together are greater than hers!“

Die drei Filme heißen Strange Girls, Ginger Snaps und A Tale of Two Sisters und haben das gleiche Thema: Zwei Schwestern, am Beginn ihrer Pubertät, schaffen sich durch Vertrautheiten, Geheimnisse und geteilte Interessen eine eigene Welt, zu denen andere keinen Zugang haben. Sie sind Außenseiterinnen in ihrer Welt, aber die Heldinnen dieser übersinnlichen Filme. Sie stecken in typischen Teenagerdilemmata, denn sie sind erwachsene Kinder. Virginia, Georgia und Ginger rauchen, nicht wie kleine Mädchen, die das erste Mal konzentriert am Glimmstängel ziehen, sondern wie Frauen, die ständig in Betten, auf Straßen und an Kneipentresen qualmen. Sie übernehmen Verantwortung füreinander, fühlen sich „weiter“ als die Mädchen in ihrer Schule. Auf der anderen Seite sind sie Spätentwickler: Ihre hermetische Welt kennt kein Verliebtsein, keine Jungsgeschichten, sie misstrauen allen Erwachsenen, bekommen erst im Laufe der erzählten Geschichten ihre erste Menstruation. Sie sind zwei Körper, ein Geist, was in Tale of Two Sisters auf die psychoanalytische Spitze getrieben wird, weil sich am Ende herausstellt, dass nur Soo-Mis Körper überhaupt in der Welt existiert. Erzählt werden Geschichten über Einsamkeit, Abnabelung und die Schmerzen, die das verursacht, aber auch die Verletzungen, die sie selbst ihrer Umwelt zufügen. Außerdem geht es um die düstere Seite weiblicher Freundschaft, vor allem der junger Mädchen: Es geht um Manipulation, Klaustrophobie, Abhängigkeit und Obsession.


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