Diffuse Guerilla


Foto: Johannes Büttner

Der kybernetische Kapitalismus verschlingt die Dissidenz: Widerstand ist zwecklos. Manche wagen ihn trotzdem.
Von HELGE PETERS

An einem Novembertag des vergangenen Jahres bekam der Nebel ein Gesicht. Antiterroreinheiten umstellten das zentralfranzösische Örtchen Tarnac und nahmen neun junge Menschen unter dem Verdacht fest Sabotageakte mit Hakenkrallen gegen das Hochgeschwindigkeitsbahnnetz verübt zu haben.

Unter den Verhafteten war auch der junge Philosoph Julien Coupat. Gemeinsam mit der Gruppe Tiqqun, was auf hebräisch „Erlösung“ bedeutet, verfasste er um die Jahrtausendwende eine Reihe postsituationistisch inspirierter Texte, darunter wohl auch das anonym erschienene Manifest Der kommende Aufstand und vor allem den so dünnen wie blitzgescheiten Essayband Kybernetik und Revolte. Revolte und was?

Kybernetik ist die Wissenschaft von der Steuerung komplexer Systeme, die aus einer Vielzahl miteinander kommunizierender und aufeinander einwirkender Einzelteile bestehen. Ziel ist die fortdauernde Reproduktionsfähigkeit des Gesamtsystems: also Stabilität und Gleichgewicht. In den fünfziger Jahren zum Durchbruch gekommen, revolutionierte die Kybernetik bis heute so unterschiedliche Felder wie die Informatik, das Management und die Biologie; in der Lesart des Radikalen Konstruktivismus auch die Erkenntnistheorie. Heute, sechzig Jahre nachdem der Mathematiker Norbert Wiener die Kybernetik begründete, droht der Kapitalismus das gesellschaftliche System selbst abzuschaffen: die ökologischen Probleme sind verheerend und die Lohnarbeit als Bedingung für Teilhabe am Konsum schwindet für immer größere Teile der Bevölkerung.

Hier kommt der kybernetische Kapitalismus ins Spiel, den Tiqqun als die Strategie einer verwüsteten Gesellschaft beschreiben, sich weiterhin zu reproduzieren, ohne die Ursachen der Verwüstung zu beseitigen. Der alte Konflikt zwischen Liberalismus und Sozialismus, zwischen der Ideologie der freien Märkte und der staatlichen Regulierung spielt letztlich keine Rolle mehr. Unter dem Eindruck systembedrohender Krisen hat sich die Kybernetik als Herrschaftstechnik durchgesetzt, die Gesellschaft scheinbar ohne ideologischen Ballast nur mehr aus der Perspektive des Erhaltens systemischer Stabilität betrachtet. Keine panoptischen Arrangements zentraler Herrschaft sondern vielfältige, dezentralisierte Sicherheitsdispositive auf der Mikroebene sollen zukünftig das Gleichgewicht des sozialen Systems garantieren. Zygmunt Bauman, kritischer Theoretiker der Postmoderne, machte eine ganz ähnliche Beobachtung als er beschrieb, dass heute der entscheidende Wandel der Herrschaftstechnik darin bestehe, die Verpflichtung als Freiheit, die Unterwerfung als Selbstverwirklichung zu inszenieren und damit den uralten Gegensatz aus Realitätsprinzip und Lustprinzip außer Kraft zu setzen, den Freud noch als Bedingung für Zivilisation beschrieb. Der Selbstzurichtungsprozess wird somit als Abfolge lustvoll und nutzerfreundlich daherkommender Events erlebt – unter der ständig im Raum schwebenden Drohung, bei Abweichungen von diesem attraktiven Pfad bestraft zu werden.

Dabei fällt der Sieg der völligen Internalisierung der Arbeit durch die Persönlichkeit zeitlich mit der Abschaffung der Arbeit durch die Automatisierung zusammen. Immer weniger Arbeit ist nötig um die Dinge zu produzieren, die wir konsumieren, doch das Arrangement Lohnarbeit wird weiterhin gebraucht, damit sich die Menschen in ständiger Bewegung auf die Möglichkeit eines Jobs hin befinden. “There’s a serious risk that we will end up finding a use for our idleness” heißt es in Der kommende Aufstand und es fällt tatsächlich schwer, die Hartz4-Beschäftigungstherapie aus Bewerbungen und Seminaren oder die ständige Kommunikation und Selbstevaluation des digitalen Prekariats als etwas anderes denn als Aufstandsprävention zu verstehen.
Der nomadisierende Informationsarbeiter, der heute im Satellite Office ein Konzept präsentiert, morgen im Co-working Space eine Website produziert und übermorgen im Cafe, wenn er gerade mal kein Projekt hat, auf Facebook netzwerkt und die Tipps des gerade angesagten Productivity-Gurus studiert und sich mithin als frei, kreativ und unternehmerisch wahrnimmt, ist das Idealbild des kybernetischen Kapitalismus. Wo mit mechanischer Arbeit kein Wert mehr geschöpft werden kann, muss die kreative Persönlichkeit als Ganzes ausgebeutet werden. Die schiere Nutzlosigkeit dieser Geschäftigkeit angesichts der konkreten Utopie, es mit der Lohnarbeit einfach bleiben, die Maschinen mal machen und es sich selbst gut gehen zu lassen, wird nur durch eine immer hochtouriger drehende Zirkulationssphäre noch verdeckt.
Aber sagt das mittlerweile nicht selbst Attac? Demonstrieren nicht auch die Gewerkschaften gegen die Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse? Tiqqun denunzieren die zeitgenössische Linke ebenso scharf wie den Kapitalismus selbst: Aufgabe der sozialen Bewegungen sei letztlich die totale Integration aller Subjekte als Feedbackschleifen in die Dynamik des Systems. Forderungen nach partizipativen Entscheidungsprozessen, nach Transparenz und zivilgesellschaftlicher Bürgerbeteiligung würden nur den Wunsch des kybernetischen Systems nach der Aneignung jeder Information, die in seinen Teilen enthalten ist, zum Ausdruck bringen. Die oppositionelle Geste wird unmittelbar integriert: sie verkommt zum Indikator einer Abweichung des gemessenen vom erwarteten Wert und löst eine Intervention zur Wiederherstellung des systemischen Gleichgewichts aus. Jegliche in kritischer Absicht geäußerte Kommunikation, die anschlussfähig ist, wirkt damit in letzter Instanz stabilisierend. Mehr noch: der “entrüstete Bürger”, der sich auf Gipfelprotesten und Bewegungskongressen mit Tobin-Tax, repräsentativen Politiken oder ökologisch nachhaltigem Wirtschaften beschäftigt, macht sich zum “Amateur-Experten der gesellschaftlichen Verwaltung”, dessen Engagement die Regulierung des Systems überhaupt erst garantiert. Der Bürgerprotest stößt derzeit einen ähnlichen Prozess der Horizontalisierung und Flexibilisierung in der Politik an, der sich in der Wirtschaft schon vollzog: Kapitalismus von unten.

Kritik, die nach Repräsentation und Teilhabe verlangt, fügt sich damit in das herrschende Paradigma. Dissidenz in den tradierten Formen scheint in dieser Sichtweise unmöglich. Julien Coupat und seine Genossen von Tiqqun zogen die Konsequenz: sie lehnten es ab, die Gestaltung der Welt aus dem Blickwinkel von Problemen zu sehen. Sie fragten nicht das leninistische “Was tun?” sondern ein poetisches “How to?”. Sie forderten eine konzeptlose Revolte, ein anti-gesellschaftliches Aufbegehren: die diffuse Guerilla. Sie sollte ein Rauschen schaffen, das sich nicht in 1 und 0 codieren lässt und Zonen offensiver Undurchsichtigkeit aufbauen: zum Nebel werden. Die Gruppe zog aus der überwachten Metropole Paris mit ihren allgegenwärtigen Informationsströmen weg auf einen Bauernhof im Zentralmassiv. Bald kam es zu Unterbrechungen und Verspätungen im Netz der französischen Bahngesellschaft.

Die Verhaftung der Neun von Tarnac lässt sich fast wie ein Beweis der Thesen von Tiqqun lesen. Ein Sicherheitsspektakel, das eine landesweite “ultra-linke” terroristische Bedrohung heraufbeschwört: dabei war das Gewaltpotential dieser überschaubaren Gruppe von Freunden nicht annähernd so hoch wie bei einem durchschnittlichen Castor-Transport im Wendland der Neunziger. Beweismittel wie eine Leiter und ein Fahrplan, die von den Behörden als “Kletterwerkzeug” und “detaillierte Dokumente über den Schienenverkehr” präsentiert wurden. Ein mediales Umdeutungsspektakel, das den Versuch, kollektive Beziehungen jenseits ihrer Determiniertheit zu erproben als Terrorseifenoper inszenierte, in den Hauptrollen der Philosoph Julien Coupat und die Fernsehschauspielerin Aria Thomas, die sich auch unter den Verhafteten befand.

Mitte März dieses Jahres, als bis auf Julien Coupat alle Verhafteten bereits freigelassen wurden, veröffentlichten sie ihr letztes Kommuniqué, das vor dem Hintergrund ihrer Überzeugungen nur als konsequent zu verstehen ist. Konfrontiert mit einer “absurden Staatsgewalt”, so schrieben sie, die jedes erdenkliche Mittel nutze, um sich Informationen über sie zu beschaffen und doch nur Obskurität produziere, bleibe nun bis zur Freilassung ihres Genossen nur mehr eines zu tun: zu schweigen.

Kybernetik und Revolte
Zürich 2007, diaphanes
128 Seiten Broschiert, 10 Euro