Kein Jesus von Winnenden


Foto: Johannes Büttner

Es sei verwunderlich, dass der Amoklauf die Ausnahme und nicht die Regel ist, befindet DANIÉL KRETSCHMAR. Vor allem weil die Medien ihre Rolle genau so gut oder noch besser als anderen beteiligten Akteure spielen.

„Tim war nicht in psychiatrischer Behandlung“, sagen die Eltern des Amokläufers von Winnenden und man möchte antworten, dass das doch sehr bedauerlich ist. Denn dass bei ihrem Sohn eine ganz veritable Schraube locker gewesen sein muss, ist so ziemlich das einzige, was sich mit Sicherheit über ihn sagen lässt. Die dünne Informationslage ist das Kernroblem in der Berichterstattung derartige Tötungsverbrechen: Der Täter kann zu seinen Motiven nicht mehr befragt werden, und da die Schlagzeile „Irrer nietet 15 Menschen um“ allein keine ganze Zeitungsseite füllt, muss über Tathergang und vor allem die Vorgeschichte derart exzessiv spekuliert werden, dass es noch Karl May die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Einer der wenigen vernünftigen Experten dabei ist der Bremer Erziehungswissenschaftler Freerk Huisken, der schon nach dem Erfurter Amoklauf darauf hinwies, dass die Anerkennungskonkurrenz im Bildungssystem einen extrem hohen Druck auf die Schülerinnen und Schüler ausübe und als systematisch angewandtes Erziehungs- und Selektionsmittel natürlich auch zu einer Brutalisierung der Umgangsformen beitrage. Insofern sei eher das seltene Auftreten extremer Gewaltexzesse verwunderlich, nicht die Tatsache ihrer Existenz. Diese These ließe sich zwar dahingehend kritisieren, dass sie dem konkreten Täter einen unzulässig großen Teil der Verantwortung für das Verbrechen abnimmt; dass Huiskens Beschreibung der äußeren Umstände in denen Menschen „austicken“ jedoch absolut korrekt ist, bleibt von dieser Kritik unberührt. „Wertvoll“ ist das Individuum eben nur, wenn es „stark“, „erfolgreich“, „durchsetzungsfähig“ und in gewissem Maße auch „rücksichtslos“ ist – lauter kleine Amokläufer also, wenn auch für gewöhnlich ohne Beretta im Nachtschränkchen.

Instinktiv bemerken auch Politprofis und Nachrichtenredaktionen diese gefährlich Nähe des gewünschten Sozialverhaltens zum mörderischen Ausbruch. Während sie angesichts der noch warmen Leichen betroffen tun, werfen sie bereits die Vernebelungsmaschine an, mit der sie sich selbst und ihre Kundschaft (Wahlvolk und Abonnenten) vor unbequemen Einsichten schützen. Da wird zum Beispiel über das „Doppelleben“ des Amokläufers gemutmaßt, und dabei der Blick auf das Offensichtliche verstellt: Der unauffällige, freundliche junge Mann hatte gar keine furchtbare zweite Identität. Der er war, war er bis zur letzten Sekunde, als er die Waffe auf sich selbst richtete – einer von „uns“. Was das über das Wesen des spätbürgerlichen Individuums aussagt, ist vielleicht nicht ganz leicht zu verdauen; aber das Leben ist nunmal kein Ponyhof. Schauen wir der Wahrheit ins Gesicht: Wir sind ein riesiges Wolfsrudel, gleichzeitig barbarisiert und notdürftig zivilisiert mit dem Versprechen, bei guter Führung (d.h. Präsentation der als „wertvoll“ eingestuften Persönlichkeitsmerkmale) auf den Schultern der Schwächeren in die Leitungsebene aufsteigen zu können.

Die vom Extremen ausgeübte Faszination beruht auf dem Mißverständnis, der Verbrecher stünde außerhalb der Gesellschaft und bedürfe daher einer besonderen Durchleuchtung. Es wird im Amokläufer das Fremde gesucht, weil das Eigene so aufdringlich präsent ist: nicht der Gedanke, „es denen mal so richtig zu zeigen“ und mit einem großen Knall zu gehen, unterscheidet den Amokläufer von uns, sondern die tatsächliche Umsetzung dieses gar nicht so seltenen Tagtraumes. Der Abstand zwischen Zivilisation und Barbarei wird hier lediglich durch die rationale Entscheidung definiert, den gesellschaftlichen Normen folgend, die eigene soziale Stellung hinzunehmen und diese ausschließlich mit den allgemein akzeptierten Methoden der Anerkennungskonkurrenz zu verbessern. Dass wir die, dieser Unterwerfung unter die Normen innewohnende Ohnmacht so gerne verdrängen, erschwert es, bewusst zu erkennen, dass auch der Amokläufer zwar selber, aber keineswegs selbstbestimmt handelt, verantwortlich für seine Taten, aber nicht Herr über sich selbst. Die Idee, dass ein Suizid, ob apokalyptisch wie in Winnenden oder ganz brav an einem Ast im Wald, die Unfreiheit beenden würde, ist nur zur Hälfte plausibel. Tote sind nicht frei, sondern in allererster Linie tot. Ceterum censeo: Er bleibt einer von uns. Wie wir ist er unfähig, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen.

Deshalb ist es vor allem die unterstellte Nutzlosigkeit des Amoklaufes, die die Gesellschaft vor ein, allerdings nicht so schwer zu lösendes, Rätsel stellt. „Warum?“, steht gerne auf den rührenden handgemalten Karten die sich zwischen Kerzen und Blumen an den Tatorten finden. Die Antworten lassen nicht auf sich warten: Killerspiele und Internet werden als Ursachen bemüht. Dabei wird verkannt, dass der kausale Zusammenhang zwar durchaus besteht, nur genau umgekehrt. Begreifen wir Medien, öffentlich praktizierte Politik, Musik und auch Computerspiele als einen Komplex, den der Unterhaltungsindustrie nämlich, wird das leichter verständlich. Der Amokläufer ist nicht von Produkten dieser Industrie zu seiner Tat angestachelt worden, im Gegenteil: Er befriedigt den permanenten Hunger der Unterhaltungsbranche nach content. Eine ganz aparte Komplizenschaft wird offenbar: Wenn der Amokläufer sich einmal im Leben einen Namen machen wollte und unsterblichen Ruhm anstrebte, dann tragen die Medien und ihr Publikum ganz wesentlich dazu bei, ihm diesen Traum zu erfüllen. Anders geht es auch gar nicht, wird jede Nachricht doch auf ihr Vermarktungspotential, d.h. ihren Unterhaltungswert, hin überprüft. Es ist kein Zufall, dass in den Tagen nach Winnenden nur ein anderer Vorgang für tauglich befunden wurde, die Titelseiten zu zieren: der Fritzl-Prozess. Auf diesen Ruhm in der Unterhaltungsindutrie zu spekulieren ist ungefähr so irre, wie die Teilnahme an einer Castingshow, „nur“ mit den sehr viel tragischeren Folgen. Einer der klassischen Fälle, in denen dieser Mechanismus bewusst benutzt wurde, war übrigens der von Mark David Chapman, der mit John Lennon aber immerhin nur ein Leben für die eigene Unsterblichkeit geopfert hat. War nicht alles schlecht, früher.


1 Antwort auf “Kein Jesus von Winnenden”


  1. 1 Azad 18. August 2009 um 23:21 Uhr

    Toller Kommentar! Ich habe häufig gelacht und energisch genickt.
    Da kann jemand denken. Danke!

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