Street Gang with Analysis


Foto: Johannes Büttner

Auch wenn die deutsche (Pop-)Kulturlinke gerne versucht Gegenteiliges zu suggerieren, gab es hierzulande nie eine gescheite Verknüpfung von Theorie und Praxis, also von Straßenkampf und der Kritik an den Verhältnissen in einem popkulturellen Kontext. 1968 in Deutschland war die Zeit der linken Mitläufer, Pop war die aufgeladene Zusammenrottung von gelangweilten wie desorientierten Bürgerkindern und auch nach 20 Jahren Techno ravet nicht die ganze Society, sondern lediglich eine von vielen Nischen. JONAS GEMPP hat sich mit der einzig wahren Counterculture beschäftigt.

I. Sich gegen die institutionalisierte Kunst zu wenden, ist in Zeiten, in denen Kuratoren, Schreiberlinge und Geldgeber in einem undurchschaubaren Gewirr danach lechzen, wahrgenommen zu werden und schon zum Zeitpunkt des Geschehens an der Geschichtsschreibung stricken, undenkbar geworden und so überrascht es nicht weiter, dass auch im Jahr 2009 die Analyse der Popkultur von damals in der intellektuellen Sackgasse landet, da hilft selbst der falsch verstandene Adorno nicht weiter:

„Tatsächlich war die Selbstbestimmung immer ein wichtiger Aspekt der gegenkulturellen Popkultur. Draußen war die Arbeit fremdbestimmt. Um das Konsumbedürfnis der Masse befriedigen zu können, war die Gesellschaft auf Massenproduktion eingeschworen worden – und dafür zählte Leistung. Bei diesem vertrackten Mechanismus machte man in der Popkultur nicht mit. Man verfolgte eigene Werte und setzte den stupiden Anforderungen der Leistungsgesellschaft ein selbst bestimmtes Leben und Arbeiten entgegen. Man lebte auf der richtigen Seite des Kapitalismus, man lebte das richtige Leben im Falschen: selbst bestimmte Ökonomie. Popkultur war eine alternative Lebensform, die sich den kapitalistischen Anforderungen der Leistungsgesellschaft entgegenstellte.“
(Mercedes Bunz in De:Bug 122, Mai 2008)

Dass es jedoch nicht darum geht Pappfigur zu bauen und diese zu Selbstvergewisserungszwecken mit lautem Getöse umzuboxen, davon zeugt die Geschichte der klugen wie radikalen Stadtguerillatruppe „Black Mask/Up Against The Wall Motherfucker“.

II. Am 3. Juni 1968 schoss die Feministin Valerie Solanas in New York auf Andy Warhol. Solanas hatte zuvor das „SCUM Manifesto“ verfasst, das fälschlicherweise als Männerhasstext gedeutet wurde, sich aber in seiner fatalistischen Härte gegen all jene Faktoren richtete, die das Leben einer beständig unterdrückten Frau in der US-amerikanischen Gesellschaft der 60er-Jahre bestimmten:

„Life in this society being, at best, an utter bore and no aspect of society being at all relevant to women, there remains to civic-minded, responsible, thrill-seeking females only to overthrow the government, eliminate the money system, institute complete automation and destroy the male sex. It is now technically feasible to reproduce without the aid of males (or, for that matter, females) and to produce only females. We must begin immediately to do so… The male is a biological accident.“

Was sich auf den ersten Blick verrückt liest, ist eine Erkenntnis, die aus der Analyse der Gesellschaft der 60er-Jahre folgt und daran anknüpfend eine Utopie birgt: Der Entwurf einer besseren Gesellschaft, die den technischen Fortschritt im Sinne der Emanzipation des Menschen nutzt und den Kapitalismus und damit jegliche Herrschafts- und Machtverhältnisse abschafft. Die Abschaffung des Mannes ist hierbei nicht als konkreter Vernichtungswahn gegenüber dem männlichen Geschlecht zu verstehen, sondern beinhaltet den Entwurf einer Gesellschaft aus Menschen, deren biologischen Voraussetzungen nicht in sozialen Herrschaftsverhältnissen und Unterdrückung münden. Der Mann ist also keineswegs ein „biological accident“, sondern nur das Symptom und Solanas erklärte auch immer wieder, dass das Manifest keineswegs als Handlungsanweisung zu rezipieren sei.

III. Einer der wenigen, die Solanas Angriff auf Warhol verteidigten, war Ben Morea, der charismatische Stichwortgeber und Vordenker einer in der New Yorker Lower East Side beheimateten anarchistischen Gruppe namens „Black Mask/Up Against The Wall Motherfucker“:

„Andy Warhol Shot by Valerie Solanas. Plastic Man vs. the Sweet Assassin. A tough chick with a bob cap and a .38 – the true vengeance of DADA – the „hater“ of men and the lover of „man“ the camp/master slain by the slave. VALERIE IS OURS.

Die Mitglieder der „Black Mask/Up Against The Wall Motherfucker“ hatten höchst unterschiedliche Hintergründe; neben den klassischen Straßenrowdys und Lotter-Hippies, bestanden die „Motherfucker“ aus Bildungsbürgerkindern wie Herbert Marcuses Stiefsohn Osha Neumann, der das vernunftgesteuerte Elternhauses hinter sich ließ, um in den Straßen des „Village“ ein Agitprop-Bandenleben zu führen. Der Kampf der „Motherfucker“ war mehrschichtig und neben der Beteiligung an den Protesten gegen den Vietnamkrieg (bei dem sich die „Motherfucker“ nicht mit dem stalinistischen Nordvietnam gemein machte) geriet die Kunstszene New Yorks in ihr Visier. Mitte 1968 waren die „Up Against the Wall Motherfucker“ aus dem Umfeld der Gruppe „Black Mask“, die ein gleichnamiges Magazin herausgaben, hervorgegangen. „Black Mask“ hatte sich 1966 gegründet und agierte an den Schnittstellen zwischen Kunst und politischer Aktion in dem sie immer wieder Aktionen gegen Museen und Galerien veranstalteten, die ihren Höhepunkt in der zeitweisen Schließung des MOMAs fand. Solche Aktionen und die radikalen Positionen wurden von anderen Linken wie der „SI“ kritische beäugt. Ein Grund war das 1968 begangene Fake-Attentat auf den Schriftsteller Kenneth Koch. Ein Black-Mask-Aktivist feuerte bei einer Lesung mit Schreckschussmunition auf Koch, der die burgeoise Belanglosigkeit verkörperte, die Worte nur zu ästhetischen Hüllen machte und jeglichen revolutionären Impetus im Sinne der Aufklärung vermissen ließ. Sie wollten mit dieser Aktion nicht wie sonst die offensichtlichsten Symptome angreifen, sondern auch das normale, unverdächtige, das ebenso Ausdruck und in seiner bürgerlichen Rezeption den revolutionären Faktor von Kunst vollkommen rationalisierte.

IIII. Dies war also das Umfeld in dem sich Valerie Solanas, neben ihrer Arbeit als Künstlerin in Warhols „Factory“ bewegte. Kunst war zu dieser Zeit noch möglicher Ausweg und Warhol wurde stellvertretend für die totale Kommerzialisierung und Perspektivenlosigkeit des Kunstbetriebes angegriffen. Die totale Unterwerfung der Kunst durch die kapitalistische Verwertungslogik, also die absolute Produktwerdung von Kunst war den „Motherfuckers“ ein Greuel, dem setzen sie neben ihren Aktionen ein selbstbestimmtes Bandleben entgegen:

„By the beginning of 1968, we had become a formidable presence on the Lower East Side. We ran free stores and crash pads. We organized community feasts in the courtyard of St. Marks Church. We propagized against the merchandising of hip culture and shook down the psychedelic stores for contributions to our cause. We scammed and shoplifted. Communists took jobs in factories, to be close „to the people“. Motherfuckers hung out on the streets to be close to the people, the „freaks“ as we fondly called them. Communists went to work. We did as littel work as possible. We roamed the streets in dirty black leather jackets, carrying in our pockets thin single black „K-9“ folding knives which we practiced whipping out and flipping open with one hand. The knives made a satisfying click when the blade locked into place.“
(Osha Neumann in seiner Biographie „Up Against The Wall Motherfucker“)

Ziel der „Motherfuckers“ war es nicht eine bessere Welt zu schaffen, sondern sich durch Aktionen zu definieren, ein angenehmes Lebensumfeld zu gestalten und wahrgenommen zu werden. Reformistische Weltverbesserung oder die Halluzination, in der Nische ein richtiges Leben im falschen zu führen, spielten keine Rolle:

„Total Revolution was our way of saying that we weren‘t going to settle for political or cultural change, but that we want it all, we want everything to change. Western society had reached a stalemate and needed a total overhaul. We knew that wasn‘t going to happen, but that was our demand, what we were about.“

(Ben Morea in einem Interview aus dem Jahre 2006: http://libcom.org/history/against-wall-motherfucker-interview-ben-morea)


2 Antworten auf “Street Gang with Analysis”


  1. 1 Mister Sex 13. August 2009 um 0:54 Uhr

    Ein paar der Zitate sind ganz cool, der Rest ist absoluter Dreck; zusammengebastelter Schrott.

  1. 1 rebel:art » Blog Archive » Und sonst so? : 19. 08. 09 Pingback am 19. August 2009 um 7:36 Uhr
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