Auf deiner Ecstasy ist ein Hakenkreuz – Nie mehr Ausgehen!

Foto: Attila Hartwig

SMS, circa Sonntag Mittag nach der Hate-Release-Party vom Vorvorabend. »Hey Alter, komm vorbei! Keta-After-Hour bei Herta Däubler-Gmelin, später Blechrauchen, Anti-Fa oder Lindenstraße.«

So oder ähnlich lesen sich die Nachrichten, die man als Autor von den Herausgebern dieses Magazins erhält. Nur vielleicht in noch krasserem Befehlston. Der Ausweg aus der Einheit von Image und Life ist hier offensichtlich nichts wert. Hate ist die Party. Okay, erstmal Handy aus.
Ein Text von Linus Volkmann übers Ausgehen. Okay, dagegen.


Vielleicht lieber beruhigende Musik? Torsun von Egotronic singt:
»Das Wochenende in Berlin ist echt ein Rauschzoo / heut klauen wir uns den Montag, morgen dann den Dienstag.«
Danke dafür, noch mehr Tage zum Saufen, Feiern, Leute sehen? Da kommt man ja gar nicht mehr zum Arbeiten. Außerdem berücksichtigt die Szene die Bedürfnisse von menschenmüden Exzentrikern auch nicht wirklich effektiv. Von wegen Splittergesellschaft! Auf Facebook dann noch lauter Einladungen zu sonstwas, nie gehört oder doch schon mal, egal, bitte ankreuzen und ja wohl nicht dauernd nur »nein«.
Im Posteingang zu allem Übel eine Mail von den Kunden der Z.I.A. Man wolle einen Reader über »Samstag Nacht« machen, also über’s intensive unaufhörliche Ausgehen – dieser neue Trend. Also wenn selbst diese verwünschten Biertrinker an jener heißen Sache dran sind, muss es ja was sein. Vermutlich hat Sascha Lobos Mutter »Drei Tage wach« im Theater gesehen und es ihren Jungs rübergeskypt vom t-online W-LAN HotSpot am Rosenthaler Platz.
Bottom line jedenfalls: Die Gäste sind jetzt da und singen bereits im Hausflur, dauernd soll man bloß noch runtergeklingelt werden – am besten auch gut drauf sein und ähnlich schräger Quatsch. Dazu gehört stets auch – wenn man dann mal wo ist – das »große Woandershinwalking« (den Begriff prägte Max Goldt bereits im letzten Jahrzehnt und mit seinen 49 Google-Treffern darf man ihn getrost für ein geflügeltes Wort der volldrögen Titanic-Leserschaft-Szene halten).
Immer noch woanders hin. Weggehen, um dann wieder weg zu gehen usw. Kommt grundsätzlich keinem komisch vor. Eher der Wunsch, ein zweites Getränk, eine zweite Schachtel Zigaretten im selben Laden einzunehmen, gilt als Freakshow.

Nun, nach drei Absagen fühlt man sich ja meist wie einmal ausgegangen. Das stellt die moderne Entsprechung von »sieben Bier sind ein Schnitzel« dar, wie es die Großeltern einem immer noch in ihren Uniformen vorbeteten.
Das heißt, selbst wenn man sich rauszieht, hängt man immer noch drinnen und man weiß ja, wie über jene gedacht wird, die auf den Social-Networks-Plattformen immer nur twittern, dass sie allein »Tatort« gucken und gerade mal wieder nicht auf dem Melt oder der Wache sind.

Daher an dieser Stelle einfach mal eine Liste zum Thema, die der neon nicht spicy genug war (und nicht rechts genug).

Warum du heute nicht ausgehen musst:

- Auf deiner Ecstasy ist ein Hakenkreuz
- Jemand viel älteres aus deiner Nachbarschaft hält dich als Fuck Monkey
- Die neue TV Spielfilm ist da
- Du musst einen Leserbrief an die TV Spielfilm verfassen, warum die Druckqualität so schlecht geworden ist (Krise?)
- Du bist tätowiert
- Deine Haare sehen nicht aus
- Du hast keine Schuhe
- Hass auf alle
- Du schreibst immer noch an deinem Debütroman über Berlin
- Keime
- Deine Freunde sind Idioten
- Welche Freunde?
- Du nimmst die Postrauschdepression von Vorabend als letzter noch ernst
- Du bist arm
- Du bist krank
- Das Sudoku kriegst du im Bergheim nie fertig
- Es heißt Berghain!
- Im Pro-Ana- bzw. im Selbstmordforum interessiert sich wer kurz für dich
- Du hast den Zitty-Guide gesponsort von Beck’s Gold verpasst, in dem die Adressen der Clubs stehen
- Der einzige Überlebende bei »28 Days Later« war der, der die ganze Zeit schön im Zimmer im Koma lag
- Du hast so eine Elektronische Fußfessel, wenn du das Haus verlässt, reißt dir die Explosion vermutlich das Bein ab
- Sahra Wagenknecht und Cem Özdemir bedrohen, stalken und flamen sich nicht von allein im Internet
- Anspieltipp: »Ich sauf allein« (Hammerhead)
- Danke!