Spaß beiseite

Foto: Lucie Biloshytskyy

Seit längerem ist hedonistisches Feiern eine Hohlphrase für das Raven mit gutem Gewissen geworden. Ob das Konzept trotzdem emanzipatorisches Potenzial besitzt oder bloße Augenwischerei im Clubkontext ist, hat sich Friederieke van der Schulen gefragt.

»Warum ich hier bin? Na, für die internationale Vereinigung des Hedonismus … nicht gegen Deutschland … mehr für die Feierei und so«.
Der junge Mann grinst in die Spiegel-TV-Kamera und tanzt, mehr oder minder motiviert, von dannen.
Doch auch die fragenden Spiegel-TV-Reporter können zufrieden sein, haben sie doch auch auf der antinationalen Parade des »…ums Ganze Bündnis« am 23.05. endlich einen ausreichend verwirrten Quoten-Deppen für ihre Video-Berichterstattung gefunden. Unabhängig davon, ob dies tatsächlich eine ernst gemeinte Antwort war, oder doch eher der neuste Akt subversiver Medien-Guerilla sein sollte, steht es doch symptomatisch für die potenzielle Inhaltslosigkeit des Konzepts »Hedonismus«.

Damit nun niemand einwendet, mit einer Kritik des Hedonismus würde man sich falsche Freunde machen, sei dies obligatorisch vorweg geschickt:

Bestimmten Antifa-Gruppen, die sich seit jeher neben der rücksichtslosen Sozialdemokratisierung der radikalen Linken vor allem der Verbreitung katalanischen Ska-Punks (als einzig legitimen Ausdrucks linker Subkultur) gewidmet haben, ist natürlich jegliche Berechtigung, in Aufrufen darüber zu spotten, dass Nazis sich nicht »wegraven ließen«, abzuerkennen. Auch ist es nicht sonderlich schade, dass Demomusik heutzutage nicht mehr nur aus Tracks des »Schlachtrufe BRD«-Samplers, wissentlich und ohne Scham in einer Endlosschleife aus kaputten Boxen krächzend, besteht. Schließlich ist gegen elektronische Musik und Drogenkonsum an und für sich auch recht wenig einzuwenden.

Problematisch wird es jedoch, wenn all diese Dinge nicht mehr nur Begleitprogramm sein sollen, sondern der Hedonismus gleich in Gänze zum politischen Ziel erklärt wird und durch Gruppen wie der »Hedonist International« nicht nur gegen Ska-Punk sondern (leider) auch gegen eine kritische Analyse der Gesellschaft in Stellung gebracht wird. Da wo Hedonismus zum politischen Konzept erklärt wird, hört gewissermaßen der Spaß auf:

Bereits das Manifest strotzt vor Dingen, die die Hedonistische Internationale erstreiten will, eins dabei beliebiger als das andere. Auffällig ist bei all diesen Begriffen, dass die kapitalistische Totalität vollkommen ausgeblendet bleibt und keine kritische Reflexion der Beschränktheit dieser Begrifflichkeiten in ihrer bürgerlichen Form stattfindet.

Besonders gruselig: »Freiheit«, »Gerechtigkeit« und »Toleranz«. Nicht nur, dass diese Ideale rekordverdächtig oft von Vertretern demokratischer Parteien gelobhudelt werden und deswegen schon den Argwohn linksradikaler Gesellschaftskritiker verdienen, auch sind diese in ihrer bürgerlichen Form Garanten von Elend und Ausbeutung: Der Staat stellt mit Hilfe seines Gewaltmonopols sicher, dass sich die Menschen als freie und gleiche Rechtssubjekte gegenübertreten. Außerdem wird durch die Eigentumsordnung dem Subjekt gestattet, alles (seinerseits legale) mit dem eigenen Hab und Gut zu tun und zu lassen. Andererseits legt der Staat damit aber auch die Rechtssubjekte darauf fest, das Eigentum all der anderen Individuen anzuerkennen. Das Eigentum ist also vor allem eins: ausschließend noch und nöcher. Zähneknirschend muss festgestellt werden, dass bürgerliche Freiheit und Gleichheit nur formell sind. Aus der Gleichheit der Rechtssubjekte resultiert abhängig vom Eigentum und der Stellung im Produktionsprozess der Einzelnen konkrete Ungleichheit. Die herrschende Freiheit ist vor allem die Freiheit (und gleichzeitig der Zwang) sich in der gesellschaftlichen Konkurrenz unter Anerkennung des Privateigentums auf eigene Faust gegen die anderen durchzusetzen.

Weiter fordert die Hedonistische Internationale »Freude«, »Lust« und »Genuss« für Alle. Was angesichts des gesellschaftlichen Zwangscharakters emanzipatorisch zu sein scheint, entpuppt sich beim näheren Hinsehen jedoch auch als leere Worthülse.
Es ist ja mitnichten so, dass sich auf Lust und Genuss zu berufen etwas in der heutigen Gesellschaft besonders Unübliches wäre. Denn Lust und Genuss sind letztlich so unbestimmt, dass auch die von der bürgerlichen Gesellschaft bereitgestellten Genüsse der Konsumsphäre locker als solche durchgehen können. Das Problem ist dabei nicht einfach die mangelnde Quantität von »Genuss«, sondern auch die mitunter lausige Qualität dessen, was gesellschaftlich als Genuss verkauft wird. (Beispielhaft sei an die wöchentlichen Überfälle von Horden sexistischer Flatrate-Alkoholiker auf die Großraum-Discos dieses Landes erinnert.)

Konsum ist also an und für sich sind nicht sonderlich widerständig, sondern erstmal Abfallprodukt der Warengesellschaft und notwendig zur Reproduktion des gesellschaftlichen Verwertungszusammenhanges.
Abfallprodukt deshalb, weil weder Lust noch Genuss Ziel der Produktion ist, sondern allein die Generierung von Mehrwert. Nicht der unmittelbare Konsum hat daher kritisches Potential (abgesehen von einer Revolte gegen die Moral der Verzichtsethik), sondern die Aufdeckung der gesellschaftlichen Strukturen, die Lust und Genuss entgegenstehen.

Das alles heißt nicht, dass Gesellschaftskritik nur schlecht gelaunt funktioniert. Es heißt aber sehr wohl, dass es die Aufgabe von Gesellschaftskritiker ist, die Beschränkungen aufzuzeigen, die in dieser Gesellschaft dem schönen Leben systematisch entgegenstehen, statt den beschränkten Genüssen zu frönen und am Ende womöglich noch den Eindruck zu hinterlassen, dass irgendetwas an dieser Gesellschaftsordnung gut wäre.
Der Aufruf »Macht was ihr wollt – Nicht was ihr müsst« der Hedonist kann dem leider nicht gerecht werden und bleibt in den Fängen des bürgerlichen Individualismus hängen.