Mit Slavoj Žižek in der kommunistischen Theoriediskothek

Foto: Attila Hartwig

Sami Khatib fragt sich, ob die plötzliche Omnipräsenz Slavoj Žižeks und seines Fanclubs auch bedeutet, dass eine neue kommunistische Hypothese im Raum steht, die mehr sein will als Discotheorie und Stütze einer moralischen Haltung.

Eigentlich folgt es einer gewissen inneren Notwendigkeit, wenn, wie neulich geschehen, über Facebook die Einladung zu einem gewissen »Žižek Club« zirkuliert. Eine erste Annäherung an Slavoj Žižek, wahlweise »Scharlatan« (Die Zeit) oder »formidabel-brillantester Exponent der Psychoanalyse im besonderen und Kulturtheorie im allgemeinen« (Terry Eagleton), braucht eigentlich bloß auf die einschlägigen Youtube-Seiten, Wikipedia-Artikel und Blog-Einträge zu verweisen: der slowenische Philosoph, Psychoanalytiker und bekennende Kommunist ist auch im Web 2.0 zum umstrittenen Popstar des Theorietalks aufgestiegen. Wäre da ein Žižek-Auftritt im Berliner WMF-Club nicht die logische Weiterentwicklung einer medialen Crossoverstrategie? Notgeiler Synergieeffekt?

Wenn es stimmt, dass sich Politik heute der Register der Populärkultur bedient und Wissenschaft zur unmittelbar lebensweltlichen Produktivkraft avanciert, nimmt sich der Versuch einer sauberen Trennung von Populärkultur, Politik und wissenschaftlicher Theoriebildung ohnehin sehr prekär aus. Nicht anders bei Facebook, wo es nicht lange dauert, bis in der Kommentarspalte des ominösen Žižek-Clubs etwas von »postmodernem Party-Gulag« steht und ich mir die bizarre Szenerie ausmale, wie Žižek in dem ihm eigenen Duktus zwischen Kalaschnikow-Englisch und hysterischer Gestik das DJ-Personal zum Abspielen von Wagners »Götterdämmerung« zwingt. Die Idee von kommunistischen Wagner-Festspielen im WMF, der einstigen und kürzlich wieder auferstandenen grande dame des veredelt bebrillten Hauptstadt-House, mag einen obszönen Reiz haben – so abwegig scheint sie indes nicht.

Wagners Oper widmete Žižek unlängst und ohne ironisierten Doppelboden einen ganzen Nachmittag während seiner Master Class am Londoner Birkbeck Institute for the Humanities. Unter dem Titel »Notes Towards a Definition of Communist Culture« erkannte Žižeks Lesart in der Schlussszene der »Götterdämmerung« die Keimform einer post-mythischen kommunistischen Gemeinschaft. Da Žižek seine im übrigen sehr komplizierte und so gar nicht popkulturell kompatible Theoriematrix aus Hegel, Marx und Jacques Lacan zumeist aus dem Stoff der Populärkultur (Film, Musik, Alltagsideologien) spinnt, wäre ein Clubauftritt an sich keine große Überraschung – mit oder ohne Wagner. Andererseits: ist der Club als Bühne für Politik und (mikro)politische Lebensentwürfe nicht eines der Lieblingsversprechen der 1990er Jahre gewesen – also dem postmodernen Jahrzehnt, dem Žižeks permanentes ceterum censeo gegen Pluralismus, Subjektpolitik und Multikulturalismus gilt?

Ein zweiter Blick auf die vermeintliche Žižek-Clubeinladung sorgt für Aufklärung. Nicht Žižek himself gilt der Abend, sondern einer name-droppenden argentinischen Formation, die unter dem Namen »Žižek Records« einen schwer einzuordnenden Clubsound produziert, der keineswegs nach dem befürchteten Bionaden-Techno oder Neohippie-Electronica-Kram klingt. Die Label-Website behauptet etwas von Hip Hop, Dancehall, Reggaetón, Cumbia, Bastard Pop und Mashups. Bemerkenswerter als die Musik ist allerdings der Umstand, dass hier der Name Žižek bereits als eine Art Eigenlabel funktioniert, dem beliebig popkulturelle Bedeutungsschichten hinzugefügt werden können. Wer mag sich da nicht an Scritti Politti und ihren 1982er Song „Jacques Derrida“ erinnert fühlen. Die Sache mit den »Žižek Records« aus Argentinien gibt zudem ein in Europa weniger bekanntes Gossip-Detail aus dem globalisierten Gegen-Empire des Theorie-Jet-Sets preis: Seitdem Žižek vor einigen Jahren eine damals 26-jährige Dame aus Buenes Aires ehelichte, die tatsächlich auf den Vornamen Analia hört, zeitweise als Unterwäsche-Model jobbte und Tochter eines bedeutenden Vertreters der südamerikanischen Lacan-Schule ist, gehört er auch in der argentinischen Hauptstadt zum linksakademischen Starpersonal.

Unabhängig von derlei Verstrickungen aktualisiert der vermeintliche Žižek-Club eine entscheidende, heute vielleicht fast schon wieder vergessene Erfahrung: das Experiment einer Liaison von Techno, Theorie und Tanzen als integriertem Vernetzungsangebot. Meine 1990er-Jahre-Technoassoziationskette spult beim Namen »Žižek Club« natürlich sofort Erinnerungen an das mit Gilles-Deleuze-Referenzen gespickte Mille-Plateaux-Label aus dem Frankfurter Force Inc.-Universum ab, dessen Politiksehnsüchte einst den Popdiskurs in der Spex oder Die Beute befeuerten. Warum also nicht Žižek als neuer Deleuze? Beide funktionieren als omnipräsenter Diskursautomat zwischen den diversen Schauplätzen von Populärkultur, Kunstdiskurs, Akademie und Bewegungspolitik. Der Vergleich hinkt sicherlich, produziert aber eine suggestive Parallele: so wie wir Deleuze als genreübergreifende Theoriemaschine einer linken Postmoderne kennengelernt haben, ließe sich Žižeks aktuelle Popularität als Symptom einer neuen postpostmodernen Kondition lesen.

Als im Zeitalter des liberaldemokratischen Triumphalismus nach 1990 die undogmatische Linke nach neuen postmarxistischen Theoriedesigns Ausschau hielt, wurde sie nicht selten im Theoriebaukasten von Gilles Deleuze (und Félix Guattari) fündig. Gegen das klassische Dreigestirn der Kritischen Theorie aus Hegel–Marx–Freud ließ sich mit Deleuze einst ein neues, um Virtualität, Differenz und Wiederholung kreisendes Theoriedesign behaupten, das als anti-dialektisches, anti-humanistisches und anti-psychoanalytisches über den Charme einer ins radikal Affirmative gewendeten Subversion verfügte. In Žižeks polemisch-strategischer Leseart des Deleuzianismus, die sich auf dessen theoretische Konzepte nur oberflächlich einlässt, geht es nun um die materialistische Einsicht, dass ein Denken um Ströme, Vielheiten, Differenz und Heterogenitäten letztlich nur das theoretische Blueprint eines 90er-Jahre-Medienkunst-Yuppietums frei Haus geliefert und dementsprechend dem heutigen Differenzkapitalismus nichts mehr entgegenzusetzen habe. Spätestens nach 9/11 und den nachfolgenden neuen Weltordnungskriegen sind wir nämlich Žižek zufolge »in der Wüste des Realen« angekommen, in der die bekannten linksliberalen Demokratiekonzepte nichts mehr taugen. So wie sich die Internet-euphorischen »happy nineties« auf Rhizom, Vielheit und nomadische Wissenschaft reimten, wollen heute Žižek und sein französischer Gewährsmann Alain Badiou eine neue theoretische Armatur aus Dialektik, Universalität, Kommunismus und Wahrheitsereignis schmieden. Will man also Žižeks politisch-theologisch angehauchten Neo-Leninismus und Badious Kommunismushypothese als postpostmodernes Symptom lesen, so verweisen sie auf gesellschaftliche Erfahrungen und Tendenzen, die mit dem Ende des fordistischen Sozialstaats und der Heraufkunft eines »neuen Geists des Kapitalismus« (Luc Boltanski/Eve Chiapello) einem postfordistischen »flexiblen Menschen« (Richard Sennett) nur unzureichend zu erklären sind. Vielleicht bedurfte es einer Zuspitzung wie der aktuellen Finanzkrise, um kapitalistische Alltagserfahrung als vermeintlich privates Schicksal einerseits und Kapitalismus als real gesellschaftlichen Strukturzusammenhang andererseits wieder zusammendenken zu können. So gesehen hätte der Termin einer Konferenz mit dem Titel „On the Idea of Communism“ nicht passender gewählt sein können, lief doch in den Feuilletons gerade eine apokalyptische Begleitmusik zur Krise des Kapitalismus an. Tatsächlich riefen Žižek und Badiou im Frühjahr 2009 fast die gesamte linke Theoriestar-Szene nach London, um mit gut 1000 Besucher drei Tage über Kommunismus zu tagen. »Hottest ticket in town«, befand der Guardian.

Unabhängig von Tagespolitik, Theoriekonjunkturen und vermeintlichen Žižek-Clubs, geht es in der von Žižek aufgeworfenen Kommunismus-Frage zumindest für die radikale Linke buchstäblich um Alles: inwiefern kann Kommunismus heute mehr sein als bloße Ideologiekritik, ethische Haltung oder adornitische Flaschenpost? Derlei Fine-Tuning mag dem linksliberal-bürgerlichen common sense läppisch bis gefährlich erscheinen, klingt ihm der Name Kommunismus doch auch knapp 20 Jahre nach Mauerfall immer noch allzu sehr nach Nordkorea, Stalinismus oder trauriger Ewiggestrigkeit. Aus strategischen Gründen versuchen einige Neokommunisten daher sogar, dem Kind einen neuen, weniger Partei-affinen Namen zu geben: »the common« (Michael Hardt), »Multitude« (Antonio Negri/Michael Hardt) oder der Pseudo-Anglizismus »communismus« (www.communismus.de) heißen die prominentesten Versuche. Das Žižek’sche Insistieren auf dem nicht-unschuldigen Signifikanten Kommunismus mag aber auch diejenigen irritieren, die in ihrer Selbstwahrnehmung ebenfalls aus einer radikal linken Position heraus auf dem K-Wort beharren. Die Rede ist natürlich von neueren Positionen der sogenannten »antideutschen« Linken, die dem unsexy ostigen Klang zuweilen ein paar hedonistische oder libertäre Nuancen hinzuzufügen versuchen. Die Beschwörung des kommunistischen Gespensts, das Behaupten einer »kommunistischen Hypothese« (Badiou) könnte in Diktion und Aussage aber nicht unterschiedlicher sein als das K-Wort im Munde derer, die in forschem Verbalradikalismus zuweilen Angriffskriege mit Antifaschismus verwechseln. Was aber, wenn Kommunismus nicht nur eine rein ethische Haltung ex negativo sein soll, die sich der kritischen Kritik an anderen Linksradikalen verschrieben hat? Kann eine heutige kommunistische Hypothese tatsächlich mehr sein als die historische Endschlacke einer Philosophie, die sich im Duktus einer inversen Theologie am Leben erhält, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward? Was wäre denn eine kommunistische (Meta-/Anti-)Politik im 21. Jahrhundert? Wie ließe sich das (kommunistische) Ereignis erzwingen, ohne am Fortschreiben kapitalistischer Modernisierungsgeschichte mitzustricken? Von welcher politischen Position aus ließe sich eine kommunistische Subtraktion des Kapitalismus ins Werk setzen, wenn sie im Hier und Jetzt über eine Bartleby’sche »I would prefer not to«-Haltung hinausgehen soll? Žižek und Badiou bleiben hier bei aller Verbaldramatik auffällig unbestimmt. Womöglich müssen diese Fragen tatsächlich in einem noch zu gründenden Žižek-Club an einem geeigneten Ort mit Kaltgetränken zur alsbaldigen Wiedervorlage gebracht werden.


3 Antworten auf “Mit Slavoj Žižek in der kommunistischen Theoriediskothek”


  1. 1 jonjon 06. Oktober 2009 um 9:36 Uhr

    Schöner Artikel!
    Das Tolle an Zizek ist ja gerade auch, dass er in der Lage war den Begriff Kommunismus zusammen mit Badiou etwas zu entstauben. Das ist kein kleines Verdienst! Dass er sich, wie schon die alten Frankfurter, um „das Konkrete“ drückt, macht dann seine Theorie trotz allem „radical chic“ dann doch wieder recht zahnlos … Schade darum.

    Doch wahrscheinlich hat er genauso wenig Ahnung vom „Wie?“, wie man sie selbst normalerweise hat.

  2. 2 besserscheitern 11. Oktober 2009 um 6:47 Uhr

    Aber sind nicht gerade seine Einlassungen zum revolutionären Terreur auf ziemlich drastische Weise konkret?

  1. 1 Eine kleine Werbeunterbrechung « try again. fail again. fail better. Pingback am 29. September 2009 um 13:33 Uhr
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