Archiv für Oktober 2009

The Kids love HATE!


Wann wird es mal wieder richtig Sommer?

Illustration: Losef

Nina Scholz untersucht, ob das Gejammer über die exzessiven Explosionen im Blockbustersommer 2009 bloß einer wiedererwachten Sehnsucht nach dem Autorenfilm entspringt und ob der Actionfilm tatsächlich noch zu retten ist vor dem Feuilleton. (mehr…)

Nur die hate zählt

by Ronald und Laura

Die Postkarte Teil 2

Illustration: Zero Cents

Von Fabian Sax

Herzliche Grüße aus dem Arbeitslager. Genauer: dem ICE Hamburg–Berlin. Wenn ich mich nicht gerade über das unsägliche Personal echauffiere (geschenkt) oder im Geiste Exekutionspläne schmiede, angesichts ganzer Heerscharen alter Menschen, die sich ein duftendes Ei nach dem anderen schmatzend in die faltigen Schlunde schieben, bewundere ich die strebsame Geschäftigkeit angehender Top-Performer. Eine Stunde und vierzig Minuten sind eine vergleichsweise kurze Zeitspanne, aber sie reicht vollkommen aus, um Präsentationen zu schreiben. Und Menschen zu brechen.

Ist Dir eigentlich schon mal aufgefallen, welches Vernichtungspotenzial ein Tacker birgt?

Wenn einer dem anderen Unterlagen rüberschiebt, achte mal darauf, ob sie getackert oder nur mit einer Büroklammer versehen sind. Das ist wichtig! Denn: Eine Büroklammer bedeutet Freiheit. Sie bedeutet, dass hier Dinge zwar zusammengehören und es einem wichtig ist, dass sie beisammen sind, aber dass man sich nach wie vor die Möglichkeit offenhält, fundamentale Änderungen vorzunehmen. Reihenfolgen können verändert, ganze Seiten entfernt werden – ohne, dass man dies krumm nehmen würde, denn schließlich ist eine Büroklammer ja nur eine temporäre Bindung. Ein Versprechen auf Zeit, sozusagen. Wie ein kollegialer Weihnachtsfeierfick unter Single-Kollegen: Alles kann, nichts muss. Die Büroklammer ist die Jungliberale unter den Bürohilfsmitteln.

Tackern hingegen ist etwas ganz anders. Tackern ist endgültig. Etwas Zusammengetackertes dokumentiert einen höheren Fertigungsgrad. Es sagt „Fertig.“ Es sagt, hier ist etwas gewissenhaft und geprüft zusammengestellt worden. Hier hat sich jemand Mühe gegeben, hat alles noch einmal gegengelesen um schließlich die Entscheidung zu treffen: das bleibt jetzt so und was ich so zusammengefügt habe, soll der Mensch nicht trennen. Und doch: Die Vernichtung ist eingebaut.

Keule neben mir, offenbar Junior-Berater bei einer dieser Werbeagenturen mit den kryptischen Kürzeln, tritt gerade seinem Schöpfer gegenüber. Dem hastig und mit hörbarer Schnappatmung vorgetragenen Konzept folgt ein Moment großer Seniorität. Der Silberrücken gegenüber nimmt das getackerte Konzept, betrachtet es einen Moment lang und reisst schließlich die Seiten 2–31 heraus. Zurück bleibt das Deckblatt und die Schlußformel: Let’s discuss!

Sei umarmt,
Fabian.

Gesendet von meinem iPhone.

Die Postkarte Teil 1

Illustration: Zero Cents

Von Moritz Jasper Kuhn

Hallo Fabian,
schöne Grüße aus Boizenburg!
„Wo zur Hölle ist Boizenburg?“ wirst du fragen. Boizenburg liegt an der Elbe, in der Zone. Nach der Annektierung durch die BRD wurde die Kleinstadt so etwas wie ein Vorort von Hamburg. Das ändert aber nichts daran, dass wir uns hier im finsteren Mecklenburg-Vorpommern befinden, wo kahlrasierte Hansafans angetrunkene Rentner mit den Worten: „Soll ich dich umhauän odär was?“ aus der Fußgängerzone verteiben. Wir können es ihnen nicht verübeln: Das letzte spannende Ereignis in dieser trostlosen Gegend; die Abschlachtung eines Ehepaares durch zwei Teenager , liegt mehr als zwei Jahre zurück. In der Hoffnung mehr über die Tat zu erfahren, suchen wir das Elbe-Gymnasium auf, wo die beiden Jugendlichen zur Schule gingen. Leider haben die Sommerferien soeben begonnen und der Hausmeister kann uns auch nicht weiterhelfen. Nur eins weiß er sicher: „Die Medien waren schuld. Demnächst wird es sogar ein Gesetz geben, dass Kinderpornographie im Internet erlaubt.“ Da sind wir baff und müssen auf den Schock erstmal was essen. Die Fuzo-Nazis waren so freundlich uns einen Imbiss zu empfehlen: „Där is Grichä odär Italienär“, so genau weiss man das nicht. Und tatsächlich: Die Speisekarte beinhaltet nicht nur Pizza und Pasta, sondern auch Gyros und Döner. Wir streiten uns, ob das nun eher griechisch oder italienisch ist und einigen uns schließlich auf die goldene Mitte: So muss albanische Küche schmecken. Das Gyros besteht aus Jahunderte alten Eingeweiden der letzten Blutfehde und das Lübzer zieht schleimige Fäden. Ich trenne mich von meinem Begleiter und schleppe mich mit Magenkrämpfen zum Regionalexpress nach Hamburg. Zwischen Schwarzenbeck und Bergedorf übergebe ich mich ausgiebig.
Moritz.