Am Ende der Straße liegt die Welt

Illustration: Losef

von Jonas Gempp und Nina Scholz

»Their (Jackson’s and Hughes‘) deaths make me feel old, but more than that, they make me aware of belonging to a generation that has yet to figure out adulthood, for whom life can feel like a long John Hughes movie. You know the one. That Spandau Ballet song is playing at the big dance. You remember the lyrics, even if it’s been years since you heard them last. This is the sound of my soul.« (A.O. Scott, NY Times)

Der Begriff Pop wurde schon tausend Mal ge- und missbraucht. So wollen auch wir uns nicht zurückhalten und ihn noch mal ordentlich durchnudeln. Zum allerletzten Mal, denn wir möchten ihn weder retten und auch nicht reetablieren. Wir brauchen diesen Begriff nicht einmal mehr als Beschreibung, und schon gar nicht wollen wir Barrikaden damit bauen. Wir wollen ihm bloß noch mal tschüß sagen, auch für die anderen, die sich von dem ollen Ding offensichtlich gar nicht trennen mögen.

Ganz am Anfang, als Pop noch den populären und somit relativ allgemeingültigen Teil der Jugendkultur und ihrer Musik beschrieb, war diese (Sub-)Kultur erstmal bloß neu. Junge Menschen hörten Musik, welche die Elterngeneration nicht verstand, den dazu passenden Habitus verstanden die Erwachsenen erst recht nicht. Die Phase im Leben, in der Pop irgendwie relevant war, endete mit dem Eintritt in das Leben als werktätiger Erwachsener. Lediglich punktuell auftretende nostalgische Daten wie das Devo-Special auf Arte, das Depeche-Mode-Konzert im Olympiastadion oder das Peter-Kraus-Medley in der Oldenburger Stadthalle erlaubten die Reminiszenzen an längst vergangene Revolten. In den glorreichen Zeiten der Jugend war Pop das Mittel gegen die Spießer, die Normen, den Mainstream und beflügelte Entdeckungsreisen in unbekannten Ecken der Gesellschaft, die man gemeinsam mit anderen erfinden konnte.

Ein wenig scheint es aber in Vergessenheit geraten zu sein, dass Pop sowohl von den Linken als auch den Spießbürgern auch mal ordentlich verdammt wurde; von den einen wegen der vermeintlichen Abwesenheit von Subversion, von den anderen aus den umgekehrten Gründen: unmoralisch, flach und in aufmüpfigem Gewand kam der Pop daher. Doch dann kamen jüngere Linke und machten Pop zu einem widerständigen Konzept. Dafür erfanden sie, weil sie gerade die ganzen Franzosen gelesen hatten, den Popdiskurs und konnten auf einmal Madonna mögen und trotzdem subversiv sein. Popkultur wurde zur bunten, nicht erstarrten Alternative zur bestehenden, grauen Mitte der Gesellschaft. Heute, wo scheinbar die meisten Großstädter irgendwas mit Kultur, Kreativität und Medien machen, ist Pop zum wichtigsten Arbeitswerkzeug und damit zu einem inhaltsleeren, ästhetischen Tool geworden, das sich wie ein roter Faden durch das Leben zieht.

Der verbleibende Rest der Popintellektuellen will das aber nicht so recht wahrhaben. Ständig muss Pop etwas sein, gerne etwas Revolutionäres, zumindest subversiv, kritisch sowieso. Aber eigentlich hat man das Gefühl, dass sich bloß die Popkultur-Lebenswelt schön, bunt und wichtig geredet wird, deren Marginalität sie längst zu einem Irrelevanten unter Vielen gemacht hat. Wenn es jedoch keinen Pop mehr gibt bzw. dieser sich von den Briefmarkensammlern, Autotunern oder Opernfreunden nur noch inhaltlich unterscheidet, sind die Popintellektuellen lediglich Experten und Sachverwalter des kleinen Fachgebietes. Sie haben ihren Platz im Feuilleton gefunden, doch gesellschaftliche Relevanz oder gar eine Deutungshoheit ist weit entfernt. Der Traum von Aufbruch, Subversion, Subkultur und bunten Gegenentwürfen ist schon lange ausgeträumt. Eine revolutionäre Logik erwächst bestimmt nicht aus dem krampfhaften Festhalten an der bunten Nische. Und genau dieses Gefühl bleibt auch, wenn auf Kongressen wie der Transmediale die Akteure der 90er Jahre die Themen dieser Zeit und ihre eigene Relevanz immer und wieder heraufbeschwören. Die jungen Menschen wollen die Geschichten nicht hören, die Kongresse nicht besuchen. Zu jeder Popveranstaltung kommen immer und immer wieder die gleichen Gesichter, die sich sowieso schon kennen, mögen, nicht mögen, hassen. Denn die Jungen kennen kein Jungsein mehr, die Jugendkultur ist offiziell verschwunden, seit die Adoleszenz bis 35 geht und der kalkulierte Wochenendexzess sich durchaus mit dem Leben als Werktätiger vereinbaren lässt.

Aber was ist denn eigentlich passiert? Die Analyse der Probleme ist teilweise immer noch gültig. Der Kapitalismus ist immer noch böse, lediglich die Träume von der gesellschaftsverändernden Wirkung von Kunst und Kultur sind ausgeträumt, beziehungsweise müssten längst ausgeträumt sein. Die subversive Wirkkraft eines Kulturprodukts kommt auch bei inhaltlicher Aufladung mit wie auch immer gearteter Gesellschaftskritik nicht über den bloßen Gestus hinaus. Pop ist zum Selbsterhaltungsprinzip einer Generation erstarrt, deren Maxime es ist, nicht alt und spießig zu werden. Das inhaltlich überholte Konzept hat sich zu einer gut funktionierenden Maschine entwickelt, die mit den dazugehörigen Zeitschriften, Marketingkampagnen und den richtigen Turnschuhen am Leben gehalten wird. Denn die 35-jährigen sind überall: Sie sitzen in den Schaltzentralen des Pop, der heute allumfassend geworden ist. Das Gespenst, das unsere Realität am treffendsten beschreibt, ist zu ihrer eigenen Blockade geworden. War das Samplen und das Mixen in den 90ern ein Rettungsanker als Bestätigung der grauen Theorie und konnte noch eine Zukunft zeichnen, leben wir heute in einer leeren Bilderflut: Wirkungslose Ästhetik, die auf sich selbst verweist. Die Bedeutung der Zeichen ist längst ausgeträumt. Der Mainstream hat Minderheiten so lange aufgesaugt, bis beide nicht mehr da waren, sie teilen sich jetzt die gleiche Schnittmenge. Die Verschachtelung von Kulturindustrie mit ihrer Kritik, dem Heraufbeschwören diskursiver Strategien anhand von Soundkategorien und dem subkulturellen Gefüge, Biographien, Sehnsüchten, Befreiungsmomenten und der Aufklärung qua Pop selbst, hat die Popkultur, die seit über 50 Jahren wie ein Zug durch unser Kulturverständnis gerast ist und dabei tiefe Furchen hinterlassen hat, zu dem gemacht, was sie heute ist: Feuilleton, Hochkultur, skurrile Nische. Der junge Mensch kommt heute alt auf die Welt, weil der Alte noch so jung ist. Ihm ist es egal, ob die Identitäten fragmentiert, zementiert oder dekonstruiert werden, seine Identität wurde schon lange vorher gespalten. Natürlich geht es nicht darum, dem Popdiskurs seine Errungenschaften abzusprechen: Er hat die überfällige Unterscheidung zwischen Pop- und Hochkultur angekratzt, und wenn auch nur einem Menschen geholfen wurde, sich durch Pop Linderung zu verschaffen, die Verhältnisse in Form von Dorfgemeinschaft, Schulhofmobberei und Ausgegrenztheit durch Anderssein hinter sich zu lassen, dann ist das bereits ein rechtfertigender Erfolg. Die Welt da draußen ist böse. Pop ist nicht besser, aber auch nicht schlechter. Der Kapitalismus hat sich den Popdiskurs sowieso längst einverleibt, sodass er auch die (pop-)kulturpessimistische Position ohne Konsequenz verkraften kann – wie die absolute Affirmation seiner Subversion. Problematisch wurde es, als man über genau diese Gedankengebäude wieder Bewertungsmaßstäbe einführen wollte. Es war doch alles so schön bunt, wer wollte da noch sagen können, was doof ist und was nicht. Man kann doch sogar Nazimusik ironisch hören. Die einen landeten in der totalen Beliebigkeit, die anderen führten wieder Kategorien ein bzw. legten die Popkulturschablone an und landeten bei der gleichen reaktionären Verwaltungsspießigkeit wie Kulturkritik und Hochkulturler, also jene, die sie vormals angegriffen hatten. Hätten sie mal rausgeschaut aus dem Studierzimmerchen, hätten sie gesehen, das dieser in der Welt so gar nicht mehr existierte und sie sich nur noch ihre Platten fein redeten. Die Rezeption war nicht mehr als eine verdörrte Pflanze, vertrocknet und tot.

Kommen wir zur Politik: Obwohl ein fortschrittlicher Teil der radikalen Linken tatsächlich beim Pop angekommen war, wurde Pop lediglich benutzt, um ein sozialdemokratisches Nischendasein zu rechtfertigen. Aus dieser Sicht bedeutet poplinks eher attaclinks: Eine andere Nische ist möglich. In der Welt draußen war aus dem Mainstream der Minderheiten eine totale Wahrheit geworden, eine, die vorausgesagt worden war – und aus Gründen des identitären Selbstschutzes nahm man doch die Abbiegung Richtung gutes Gewissen. Pop war auch immer das Versprechen auf die eigene, geilere Zukunft, die besser werden würde als die der Eltern. Mittlerweile sind wir am Ende der individuellen Utopien, am Ende der Geschichte angekommen.

Es ging aber auch darum, stets den entscheidenden Schritt voraus zu sein; den hippen Scheiß erfinden, erkennen und für sich selbst und die eigenen Ideen verwertbar machen. Popkultur war immer auch eine Early-Adopter-Kultur, der Zulieferer für die Trendscouts des Mainstreams, der verachteten Kommerzkultur. Nicht zuletzt die Zentralorgane der widerständigen Popkultur schaufelten aktiv ihr eigenes Grab. Sie erfanden das Nonplusultra der Popbeschreibung, bis die Popbeschreibung überall stattfand und sie selbst auch nur die gleichen Produktempfehlungen wie die anderen abgaben, »deren« Spiel sie mitspielten, wenn auch ein bisschen gekonnter. Den heißen Scheiß gibt es jetzt für den Nachwuchs und die eigene Geburtskohorte schon 15 Minuten vorher im Internet, noch schneller verpufft er und ist schon Staub, wenn er endlich in den Regalen der Zeitschriftenkioske ankommt. Kapitalistische Verwertung eben. Das hat etwas Befreiendes, weil nicht mehr jeder Pling und Bass subversiv sein muss, aber auch etwas Beengendes, weil wir es uns in dieser durchaus komfortablen Welt nicht mehr gemütlich machen können. Wir können feiern gehen, aber der Abstecher ins Berghain, Bar25 oder wo auch immer der kalkulierte Wochenendexzess gepflegt wird, hat mit der Revolution nichts zu tun. Da können wir auch auf eine Demo gehen, da gibt es ebenfalls Pop und Reformismus, aber genau so wenig Revolution.

Pop ist vollends eingegliedert, und die Frage wäre sowieso, ob Pop jemals nicht eingegliedert war – aber diese Erkenntnis im Nachhinein sparen wir uns an dieser Stelle und freuen uns darüber, dass Pop hilfreich in Lebenslagen war, einst ein Glücksversprechen in Aussicht stellte und heute ein institutionalisiertes Kleinstteilchen ist, nicht mehr und nicht weniger. Tschüß Pop, mach’s gut!


2 Antworten auf “Am Ende der Straße liegt die Welt”


  1. 1 Meldungen vom 01.10.09 « flieg Vogel, flieg Pingback am 01. Oktober 2009 um 19:25 Uhr
  2. 2 Der Pop ist tot, es lebe der Pop. « HATE. MAGAZIN FÜR RELEVANZ UND STIL Pingback am 21. Januar 2010 um 10:15 Uhr
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