Ist er wach?

Foto: Will Paterson & Johannes Büttner/a>

Dietmar Dath ist vom Popbetrieb durch den Feuilletonbetrieb in den Literaturbetrieb gewandert und war lange Zeit der einzige Autor und Denker, bei dem das alles schlüssig vonstatten ging. Zu Recht schrie kein Jammerlappen »Ausverkauf«. Trotzdem wurde nach seinem letzten Roman »Die Abschaffung der Arten« Kritik laut, er sei ins Esoterische abgerutscht und werfe den Lesern nur noch unverständliche Infobröckchen hin. Frank Eckert hat mal näher hingeschaut.

Dietmar Dath schreibt Sätze wie:

»Solange Menschen einander Sachen sind, solange nämlich, wie die Arbeit als zentrale Form der Vergesellschaftung nicht dazu da ist, uns vor Arbeit wiederum zu befreien, sondern man als Gegenwert für das was man tut, immer nur Sachen bekommt, obwohl die Produktivkräfte längst soweit sind, dass man gegen Arbeit statt bloßem Konsum auch Freiheit eintauschen könnte, solange ist jede Liebe bedroht, und die bedrohte, heimliche, partisanenhafte Liebe in der Kunst, populär oder nicht, deshalb die Wahrheit: die Leerstelle endlich menschlich gewordener Verhältnisse.«

Damit dürfte er zur Zeit der einzige bekennend marxistische Fiction- oder Science Fiction-Autor sein, der im deutschsprachigen Literaturbetrieb nicht nur etabliert ist, sondern ganz oben mitmischt. Kein Feuilleton der großen deutschen Tageszeitungen kommt mehr um eine Berichterstattung über Daths nach neun Büchern im Eigenvertrieb oder bei Kleinverlagen inzwischen seit vier Jahren und sechs Bänden im altehrwürdigen Suhrkamp Verlag erscheinenden Arbeiten herum. Die Sofarevolutionäre der Popliteratur, die auch gerne einmal mit Stalin oder einer klammheimlichen Sympathie mit der RAF kokettieren, aber letztlich doch nur ein gefühltes Linkssein aus Stilempfinden verkaufen, sind jedenfalls keine ernsthafte Konkurrenz.

»Wer Schlechtes schlecht und Gutes gut nennt, wer Kunst als Kunst und Mist als Mist bezeichnet, bekundet die Bereitschaft, sich auch mit Unrecht und Dummheit nicht abzufinden.«

Aber Dath war auch sechs Jahre lang Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Protegé ihres Herausgebers Frank Schirrmacher, der nun nicht gerade in Verdacht steht, den Sozialismus in Deutschland einführen zu wollen. Der Respekt, den sich Dath auch in konservativsten Kreisen geschaffen hat, hat wohl damit zu tun, dass sich seine sozialistische Radikalität im Kleid eines beinharten naturwissenschaftlichen Rationalismus präsentiert, der die Aufklärung des Menschen im klassischen Sinne als Kardinalstugend vor sich trägt. In seinem vergangenes Jahr erschienenen vergleichsweise dünnen, aber was linke Theorie angeht explizitesten Buch »Maschinenwinter« nennt er diese Sichtweise »Wissenschaftlicher Sozialismus«. Dath glaubt nicht an den, wie Eric Hobsbawm es formuliert hat, »Marxismus als weltliche Theologie«, auch nicht an den Marx der Zahlen, der ökonomischen Analyse des Kapitals. Es sind die womöglich letzten noch übrig gebliebenen Utopien aus Marx‘ Werk, mit denen sich Dath der Resignation vor dem alltäglichen Elend entgegenstellt.

»Das wichtigste, was Marx je aufgefallen ist, war der Umstand, dass man das was da gelernt werden muss – wie man die Maschine des Unrechts zerschlägt und die Geschichte in Solidarität und Freiheit selber macht –, nur in der Praxis findet, also nicht aus Büchern herauslesen und nicht in Bücher hineinschreiben kann.«

In der pragmatischen Art, nur den Marx aufzugreifen, der in der gegenwärtigen Situation weiter helfen könnte, findet Dath die Möglichkeit, Marx mit der angelsächsischen analytischen Philosophie eines Donald Davidson oder Richard Rorty zusammen zu denken, obwohl die Utopien des erzdemokratischen Liberalen Rorty mit denen des von Dath ebenso hoch verehrten Leninisten Peter Hacks kaum etwas gemein haben. Solche Gegensätze bilden die Grundlage aller Texte Daths, fiktional wie theoretisch oder journalistisch. Sie werden nicht aufgelöst oder dialektisch aufgehoben. Obwohl er stets mit großem Respekt über die dialektische Methode und den historischen Materialismus spricht, selbst wendet er sie nicht an. Daths Ideen und Geschichten sind nicht an einem Stück oder in einer vorgedachten Form zu bekommen. Sie entfalten sich durch ein allmähliches und fragmentiertes Vertiefen. Immer unterbrochen durch zahlreiche Sinnfragmente und sprachliche Dreckspuren. Ein spiralförmiges Denken, in dessen Zentrum typischerweise die Apokalypse aufscheint, verstanden als Ende der Welt, wie wir sie kennen. Das Denken der Apokalypse, in seinem Kern auch bei Dath von eher reaktionärer Natur, ist aber nicht die finale Antwort. Nach dem Ende der Welt geht es weiter, ziemlich unspektakulär, aber anders als zuvor. Mehr noch als das lapidare Weitermachen nach dem Ende des Weitermachens, sind es die unzähligen Splitter aus Popmusik, Splatterfilmen, Philosophie, Naturwissenschaft, alter und neuer Literatur und allem anderen (inklusive seiner offenbar nicht allzu glücklichen Jugend in einer badischen Kleinstadt), die Kulturallesfresser Dath, einmal aufgenommen, niemals unkommentiert lassen kann, sondern in massiven Dosen zwischen all seine Texte streut.

»Wer nicht untergeht, obwohl andere für ihn planen, könnte die Zügel ebenso gut gleich selbst in die Hand nehmen.«

Was die ganzen unvereinbaren, widersprüchlichen und gerne auch tief verfeindeten Positionen in Daths Texten zusammenhält, das ist ein gnadenlos unsentimentaler und eiskalt rationalistischer, an der naturwissenschaftlich-mathematischen Methode geschulter Blick auf die Dinge der Welt und des Sozialen, der es ihm erlaubt, all das Inkommensurable aus Technik und Kultur, aus High und Low überaus leidenschaftlich zusammen zu denken.
Dath schreibt Bücher über Sachen, und Bücher über Ideen. Psychologie und Innenschau interessieren ihn gar nicht. Doch gerade bei den Ideen und Konzepten fängt der Ärger an. Wo es noch einigermaßen plausibel erscheint, dass der alle Formen der Postmoderne inbrünstig hassende Dath den linksliberalen Richard Rorty schätzt, weil der seine Theorie eines »ironischen« Pragmatismus und Deflationismus in einer mathematisch-logischen Ableitung von Darwins Evolutionstheorie begründet, wird es an anderer Stelle einfach schwierig nachzuvollziehen, wie Dath Jan Brouwers erzkonservatives Projekt des mathematischen Intuitionismus als revolutionäre Methode ansehen kann, wenn er fünfzig Seiten später die dem Intuitionismus komplett entgegengesetzte Emergenz-Wahrheit der zellulären Maschinen Stephen Wolframs in den Himmel lobt. Ist das Schlamperei, Ideologie, oder ist der Rezensent einfach nur zu blöd, den tieferen Sinn darin zu kapieren? In den letzten beiden im Science Fiction- oder Fantasy-Genre angelegten Romanen »Waffenwetter« und »Die Abschaffung der Arten« scheint sich die fatale Tendenz zur gewollten Ungenauigkeit noch intensiviert zu haben. Die Verquickung von ökonomischer Analyse, historischem Materialismus und dem nicht selten szientistischen Rationalismus hat sich immer mehr auf ein raunendes Andeuten zurückgezogen, ein Hinwerfen von unverdauten Infobröckchen, das oft forciert unverständlich ist.

»Anagramme.«
»Anagramme. Du meinst Rekombination und Permutation von öh…«
»Ja. Überleg’s dir mal. Wirklich. Nein, ernsthaft.«

Im schlimmsten Fall sind die Texte von verschwörungstheoretischer Esoterik und wissenschaftsgläubigem Techno-Mystizismus kaum mehr unterscheidbar. So entdeckt die Protagonistin in »Waffenwetter« zur Klimax der Geschichte eine unter den Antennen des HAARP-Wetterprojekts stationierte nichtmenschliche (?), natürliche, künstliche oder extraterrestrische Schwarmintelligenz, die die Welt zerstört, aber mit Hilfe sozialistisch geklonter Teenager-Übermenschen dann auch wieder rettet. Das erinnert einerseits an die von Dath hin und wieder gezogene Referenz zum afroamerikanischen Technik-Futurismus von Sun Ra, James Gilroy oder Kodwo Eshun. Viel mehr aber lässt diese obskure Weltintelligenz an die Noosphäre Teilhard de Chardins oder an Wilhelm Reichs Orgon-Brain denken. Womit er mitten in der schwabbeligsten Metaphysik gelandet wäre. In »Die Abschaffung der Arten« häufen sich die nur noch als Minimalfragment mal so nebenbei abgelassenen Referenzen in einer Weise, die nicht mehr zum Verständnis von irgendwas beitragen will. Oder was bedeutet es wenn eine für die weitere Handlung völlig unwichtige Nebenfigur, die nur auf einer von fast 600 Seiten vorkommt, Brouwer heißt? Wieder nicht richtig aufgepasst? Oder doch nur ein loses Ende, ein leerer Signifikant? Wenn diese Erkenntnisse dann auch noch in der von Dath bevorzugten Form des »Erklärungsmonologs« vorgebracht werden, in der ein (meist männlicher) Experte einem (meist weiblichen) naiven und gefühlsbetonten Charakter seine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zur Weltverbesserung in einer saloppen Mischung aus Nerd- und Alltagssprache herab doziert, wird es komplett unsympathisch. Wenn er jetzt nicht aufpasst, könnte Dath so etwas wie ein neuer Arno Schmidt werden: eine genialische Sonderlingsfigur, die von einer winzigen, aber umso eifrigeren Fangruppe aus akademischen Germanisten und marxistischen Physikern verehrt wird, aber ansonsten im Originalitätszwang ihrer Idiosynkrasiefalle gefangen, vom großen und ganzen und dem Rest der Welt ignoriert wird – und das kann für einen Schreiber mit derartigem Sendungsbewusstsein nur der tiefste Kreis der Hölle sein.

Dath lesen, das nervt, provoziert, langweilt und stresst. Aber es hält den Kopf offen. Hinter dem ganzen Infomüll hat Dath etwas zu sagen. Etwas Klares und Einfaches. Es geht darum, etwas mehr zu werden, wie die Biologin, von der Dath in »Maschinenwinter« berichtet: »Sozialistin, aber keine von der sentimentalen Sorte, der die Armen leid tun, und die es gut mit allen Menschen meint«, sondern eher wie die Leute, »die ihren Idealismus auf den nüchternsten Befunden der Naturwissenschaften errichtet haben, ihren Sozialismus auf dem Eigeninteresse und ihre Freiheit auf der Notwendigkeit. Solche Menschen denken radikal demokratisch nicht aus Jux und Humanismus, sondern weil sie wissen, dass Gesellschaften, in denen die Mehrheit unmündig, elend und schlecht erzogen ist, erfahrungsgemäß dazu neigen, beim erstbesten Versorgungs- oder Raumordnungsengpass in blutige allgemeine Angstbeißerei abzurutschen. Das macht nur Sadisten Spaß, und selbst denen nicht lange.«

Oder geht es doch um etwas ganz anderes? »Verstohlene, heimliche, gegen Widerstände erlebte Liebe ist, vom künstlerischen Standpunkt aus gesehen, nichts geringeres als der Sinn des Lebens.« Solange Dath noch solche Sätze schreibt, bleibt er der interessanteste deutsche Gegenwartsautor. Ob uns das gefällt oder nicht.

Leseliste:

Rosa Luxemburg (Suhrkamp, erscheint Dezember 2009)
Sämmtliche Gedichte (Suhrkamp, erscheint September 2009)
Sie schläft (Edition Phantasia, 2009)
Das Ende der Gleichungen? (mit Stephen Wolfram, Edition Unseld, 2009)
Im Erwachten Garten von (mit Kammerflimmer Kollektief, Staubgold, 2009)
Die Abschaffung der Arten (Suhrkamp, 2008)
Maschinenwinter – Wissen Technik Sozialismus (Edition Unseld, 2008)
The Shramps (mit Daniela Burger, Verbrecher Verlag, 2007)
Waffenwetter (Suhrkamp, 2007)
Heute keine Konferenz (Edition Suhrkamp, 2007)
Dirac (Suhrkamp, 2006, als Paperback 2009)
Höhenrausch. (Eichborn, 2004, Paperback: rororo, 2005)
Die salzweißen Augen (Suhrkamp, 2005)
Für immer in Honig (Implex 2004, Verbrecher Verlag, 2008)
Sie ist wach (Implex, 2003)
Schwester Mitternacht (mit Barbara Kirchner, Verbrecher Verlag, 2002)
Schöner rechnen (Berliner Taschenbuchverlag, 2002)
Phonon (Implex, 2001, Verbrecher Verlag, 2007)
Skye Boat Song (Verbrecher Verlag, 2000)
Am blinden Ufer (Verbrecher Verlag, 2000, neu 2009)
Die Ehre des Rudels (Maas, 1995)
Cordula killt Dich (Verbrecher Verlag, 1995)


2 Antworten auf “Ist er wach?”


  1. 1 polly 05. Oktober 2009 um 2:00 Uhr

    schade, dass „sämmtliche gedichte“ im artikel nicht vorkommt.
    da es wohl u.a. für daths poetologie wichtig ist, hätte die einbeziehung dieses letzten romans die analyse noch bereichern können.
    (schließlich spielen dort quasi leere signifikanten auch eine rolle.)

    „Dath lesen, das nervt, provoziert, langweilt und stresst.“
    abgesehen davon macht es aber auch noch fast unvergleichlichen lesespaß und glücklich-süchtig – s. allen voran für immer in honig.

  1. 1 Blogs in Berlin – Aktuelle Fundstücke « Berlin-Pendler Pingback am 03. Oktober 2009 um 14:58 Uhr
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