Teil1: DEATH METAL

Illustration: Losef

»Eigentlich ist Death Metal relativ simpel: Scheiß auf Harmonielehre.«

Von Christiane Ketteler

Death Metal gilt als brutalstes und unverständlichstes Genre des Heavy Metals und wird von konservativen Sittenwächtern, progressiven Liberalisten und traditionellen Schwermetallern als musikalischer Gesamtausdruck von Hass und Zerstörung verachtet. Laut Fachkreisen, denen immer etwas von Modelleisenbahnclubs anhängt, ist der Death Metal mindestens schon einmal gestorben, 1993 nämlich. Und trotzdem gibt es sie noch: die Fans und Bands und die Konzerte. Und den Death Metal in wiederum spezialisierten Sparten. Death Metal wird mittlerweile wissenschaftlich erforscht und moralisch rehabilitiert: wir wissen nun seit kurzem, dass auch Deathmetaller Menschen sind und zwar »sehr höfliche und eher zurückhaltende«. Wieviel Mensch in der beobachteten Spezies und ihren Beobachtern steckt, erfahren wir in Beschreibungen wie dieser: »Metal bleibt (…) eine der wenigen Männerdomänen. Früher waren Männer in Vereinen und Burschenschaften, dort konnten sie ihre Leistung messen. Heute müssen sie dazu auf Konzerte gehen.« In der postmodernen Toleranzgesellschaft fügt sich der Death Metal in das Bild nutz- und hirnloser subversiver Mikropraxen ein, in denen eine abgrenzungswütige, aber einverstandene Reaktion haust. »Wenn alles am rechten Platz ist, hat man doch keine andere Wahl mehr, als auf das Böse zu harren«, sagt ein Charakter in Faldbakkens Roman »Macht und Rebel«: »Wer der Sympathie für das Böse nachgibt, der spricht der Mehrheit, gegen die zu stehen er meint, aus dem Herzen.« Für eine solche Rebellion des blinden Tabubruchs wäre auf ein schnelles Aussterben zu hoffen. Was aber liegt dazwischen? Jost Achenbach aus Hamburg. Ein Fan.
Napalm Death begann außerhalb der Akademie und mit nicht akademisch Geschulten. Heute gerinnt der Antiakademismus des Death Metal zum Gestus und Ressentiment von Peer Groups. Er ist die Klausel der Szene: »man ist drin im Metal«, sagt Jost. Vom Akademismus übernimmt er oft alle hässlichen Spielarten einer Nischenexistenz: Besserwisserei und Elitenbewusstsein zum Beispiel. Dagegen ermöglicht die spätkapitalistische Infrastruktur gerade ein grenzüberschreitendes Hören.

1987. Napalm Death: Scum. Noch vor der Wende zum Death Metal, aber genau deshalb ein Teil von ihm. Gröle dich zum »Scum« und spucke ihn guttural wieder aus. Besser noch: Alles gleichzeitig. »Scum« spielt Klartext, der im Nullmedium zur aggressiven Primitivität gepusht wird. Primitivität ist kein Naturzustand von gesellschaftslosen Wilden, wie es der Thatcherismus gern gehabt hätte. Wir sind der Müll: das ist Mimikry und Auflehnung zugleich. Die Stimme liegt neben dem Song. Das trocken geknüppelte Schlagzeug spielt einen uneinheitlichen Rhythmus. No FLOW! »Scum« will kein Lied mehr sein. »In your mind nothing but fear you can‘t face life or believe death’s near. …You should be living, but you only survive…« Leben ist paralysiertes Vegetieren mit Schmerzabschnitten. Ohne geschichtliches Glücksversprechen hängt die Musik selbst eingequetscht in der Immanenz, ist selbst untot. Früher war der Death Metal noch… »wie Slayer auf Speed«, sagt Jost, »geradeheraus, einfach, brutal«.

1991. Napalm Death: Mass Appeal Madness, ein Blogger schreibt: Death Metal in kristalliner Form. Der Sänger growlt die trockene, aber moralistische Anklage der »Unaufrichtigkeit«. Mass Appeal Madness »isst das Gehirn«. Kapitalismus und Gesellschaft werden stilisiert zur zombieesken Krankheit. Am Ende steht ein Erwachen mit dem Versprechen auf Triumph: »When the bubble bursts / Exposing your selfish crap / You‘ll cry for sympathy… / We‘ll just sit back and laugh.« Wer sind die und wer sind wir? Dass Metal, vor allem Trash Metal, in der letzten Zeit wieder nach vorn gekommen ist, reiht sich in die Retromode der 80er ein. Die hat auch den Death Metal von innen erfasst: »Man adaptiert die 80er, um sich als authentische Avantgarde zu verkaufen«. Authentizität und Rebellion als Ware, hier wie anderswo. Death Metal machte die Musik dystopisch. In seinen Anfängen schwärzte er die esoterische Zukunftsverpeiltheit der Hippies und den sozialreformerischen Teil des Punk an und ein. Im Unterschied zur Endzeitapologetik der Hippies, die sich das Nirwana aufteilten, »rollt der Death Metal die Geschichte vom Ende auf«, sagt Jost. »Er wird dauernd transformiert, aber am Ende steht immer der Tod, egal welche Geschichte man erzählt. Certainly life is not.«
»Die Glücksreklame der Industrieländer wird konfrontiert mit dem Abgrund des nuklearen Overkills«, sagt Jost. Spiel mir das Lied vom Tod! Die Maske des gesellschaftlich Frivolen verwandelt sich in Totenmasken, in Katastrophenangst und -faszination. Titel- und Vertriebsnamen tragen ihre Zeichen: Nuclear Blast etwa heißt das bekannteste deutsche Death-Metal-Label. Im Unterschied zum Black Metal mystifiziert der Death Metal den Tod nicht in Ritus und Religion, sondern von seinen zeitgenössischen Drohungen her: Atomtod und Giftgaskrieg. Death Metal zeichnet die Gesellschaft als Chaos aus Zerstörung und Angst, Lähmung und Apathie. Die Selbstzuschreibung des Todes in den Bandnamen, Songtiteln und der Brachialklang der Musik sind eine Mischung aus Exorzismus und anklagender Repräsentation. Häufig konturiert sich der Gegner textlich als anonyme Machtmaschinerie, die kalt, fremd und fern bleibt. Hass ist dann das, was bei den »Unterdrückten« ausgelöst wird. Wer soll das sein, diese Elite der verbliebenen Nichthypnotisierten, derjenigen, die außerhalb der Maschine sind? Der Death Metal pariert dem Leblosen oft mit blindem Vitalismus, der das bewusstlose Leben aufbrechen will. »Nach dem Fall der Mauer und dem Untergang des Kommunismus boomte eine mythische Variante des Eskapismus«, sagt Jost. Die Band In Flames zum Beispiel. »Besungen wird die Leerstelle politischer Lähmung und jede Form von Handlung verschiebt sich in Fantasykulissen mit NeoRock.« Sie setzen sich aus mittelalterlichen Elementen genauso zusammen wie aus griechischer Mythologie. Eskapismus makes Eklektizismus. »Genommen wird, was passt, um eine drückende Stimmung einzuüben oder sichtbar werden zu lassen. Alles ist ins Metaphorische transformiert, verklausuliert«, zugleich auch kommensurabel gemacht, auch erbaulich kitschig. Strukturell Pop.

Auf dem Konzert vollendet sich Death Metal als kathartische Affektmaschine, als Kick-Out der Hass-, Aggressions- und Frustrationsschleifen. Nach dem bösen Bubenspiel ist man wieder zurück in seinem Angestelltenverhältnis. Aber dennoch. Metal ist ein Meister des Events. Jost schätzt die Katharsis. »Wie wird man die Aggressionen sonst in dieser Tretmühle los?«, fragt Jost. »Wenn man nicht sportlich ist, wie soll man sonst seine Unbehagen loswerden? Ja, viele haben Angst, wollen sozial nicht rausfallen, und die Musik ermöglicht ihnen das.«

Darum geht es: Hass und Angst als solche, ohne Objekt. »Aber es gibt klare Regeln. Wer auf den Boden fällt, wird aufgehoben. Es werden keine Fäuste benutzt.« Wer von Satan singt, benutzt ihn – albern wie immer – als Metapher des universalen Gegenprinzips. Jost kann diese eher für den Black Metal typischen Possen nicht ernst nehmen. Death Metal orchestriert die nihilistische Absage an alle Sinnangebote der Kultur, gerne mit Splatter. »Total Destruction« ist die ohnmächtige Drohung, von der sich nicht sagen lässt, ob der Fan die fremde zur eigenen macht oder sie fürchtet. Jost trinkt manchmal Weißwein auf Konzerten. Reaktion der höflichen Menschen: »Ey, warum trinkst du kein Bier, du Schwuchtel?!«
Heute ist ein Deathmetalfan ohnehin eher einer, der Klavierstunden genommen hat und sich auskennt in der klassischen Musik. Die Kunst verpoppt sich und der Fan der Massenkultur wird zum Kunstkenner. »Death Metal, der mir gefällt«, sagt Jost, »muss das komische Element haben, auch das Abarbeiten an der Tradition des Musikgenres, seinen Klischees. Davon lebt Death Metal in seinen besten Momenten«. Für den Fan ist das Spaß. Ja, das kann formalistisch werden. Währendessen tanzt irgendwo wieder eine Retroparty, auf der Speed und Trash Metal performed wird – der Metal der 20iger also. »Er verspricht viele Mädchen und viel Bier. Eine überschaubare Welt dank Van Halen«, sagt Jost, das musikalische Schema F wird gepaart mit der Wiederkehr feuchttrockener Fantasy: nackte Frauen auf Spiegeln in Ketten liegen unter dem Titel »Chain to the Night«. »Jeder Song immergleich: jede 4. die Snare, Trommelwirbel, keine Doublebass, weil das ist schon zu aggressiv, schöne Tanzmusik, gerne melodisch, klare Songstruktur, gerne hohe Stimme.« Carcass. Death-Metal- Band erster Stunde: Jost zieht vom Album »Heartwork« den Song »Buried Dreams« raus: »…When all hope is gone / When expectations are quashed / When self esteem is lost / When ambition is mourned… / All you need is hate.«

Hass ist Restprodukt in gesellschaftlicher Armut und Primitivität und wird zum bloßen Überlebensinstrument. Hass ist im Death Metal, den Jost mag, wie alles: Produkt der Übertreibung und nicht etwa antichristliches Hexhex des Black Metals, ist Mittel zur Bewusstwerdung und lustvolle Ausagierung von Wut. In der neonazistischen Szene dagegen wird Hass zum Zielpunkt kathartischer Reinigung und affirmativer Selbstfindung. Er findet sein Objekt, auf das er sich entweder explizit oder in unmissverständlicher Anspielung richtet: Juden und Ausländer. Die Liedstruktur beugt sich der Proklamation des Hasses. Bands wie Napalm Death, die Grenzgänger zwischen Punk, Hardcore, Trash Metal und Death Metal waren, hatten musikalisch Neues erfunden und sich zugleich klar politisch positioniert, eine unmissverständliche Positionierung, die heute erst wieder errungen werden muss.

Kettner, Fabian: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=9520


1 Antwort auf “Teil1: DEATH METAL”


  1. 1 Linkdump, 6.10.09 « meta.blogsport Pingback am 06. Oktober 2009 um 19:37 Uhr
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