Dracula goes Neuzeit: Ein unvollständiger und höchst subjektiver Anriss.

Foto: Will Paterson & Johannes Büttner

Es hilft alles nichts: Der Vampir ist in der Popkultur angekommen, endgültig. Derzeit erlebt das untote Weißbrot die größte Renaissance seit dem 17. Jahrhundert und hat auch gleich ein respektables Facelift mitgenommen. Brokatbestückte Rüschenfummel und spitze Schnallenschuhe sind so last season – der Vampir des neuen Jahrtausends setzt in Wort und Bild auf Understatement oder wenigstens einen ordentlichen Dreitagebart mit Schmachtblick. Wie ihm dieser steht, das beschreibt Liz Birk.

Heute müssen Vampirfilme und -bücher eher cool als unheimlich sein. Lässigkeit ist unverzichtbar. Rob Pattinson als sexy Teenage Vampire treibt (in der Verfilmung der ultragehypten »Twilight«-Romane) mit seiner Out-of-bed-Frisur und seinem spöttischen Blick Teenies auf der ganzen Welt zu hormonellen Ausrastern. Jedes Mädchen will jetzt violette Augenringe, Blässe ist schick, der Vampir ist die Stilikone du jour. Überhaupt lebt mittlerweile auch der Vampirroman längst in der Moderne und entwickelt mehr oder weniger zielgruppenorientierte Auswüchse abseits des klassischen Dracula-Stoffes. Wobei zuweilen – das wird keinen überraschen – die Qualität eher heterogen ist, diplomatisch gesprochen.
Die Amerikanerin J.R. Ward versorgt valiumsüchtige, unbefriedigte Vollzeit-Hausfrauen mit einer Garnison ledergewandeter, unnahbarer, kerniger, zwei Meter großer Vampirkrieger (wer ein Gesicht dazu braucht: Wesley Snipes in »Blade«). Diese sind selbstverständlich enorm gut ausgestattet und begatten eine rettenswerte und einsame Menschenfrau so gekonnt, bis der schier die Synapsen durchbrennen. Danach verliebt sich der stahlharte Krieger widerwillig in seine zerbrechliche Geliebte. Zwischendurch werden diverse Feinde um die Ecke gebracht. Und das passiert mehr oder weniger in jedem einzelnen der rund zehn Bände der Romanreihe, gnadenlos wie Bill Murrays Radiowecker in »Und täglich grüßt das Murmeltier«. Schlüssiger Plot? Gutes Storytelling? Sauberer Schreibstil? Scheinen die Fans nicht zu vermissen, und Fans hat J.R. Ward erstaunlich viele. Eine pikante Fußnote des blutigen Kopulierens: Die ebenfalls amerikanische Autorin Lara Adrian, die das Material hemmungslos abschreibt und damit fast ebenso erfolgreich ist. Methadon bis zum nächsten Original-Ward quasi. Dabei muss man doch gar keinen Schrott kaufen! Denn kreative Umsetzungen des ausufernden Stoffes finden sich zu viele, um ihnen mit einer Handvoll Zeichen gerecht zu werden.

Zu Recht in den Beststellerlisten tummelt sich zum Beispiel Charlie Hustons bisher dreiteilige Reihe um den untoten Privatdetektiv Joe Pitt. In schöner »Sin City«-Manier wütet der abgebrühte, kettenrauchende Pitt durch ein wunderbar überzeichnetes New York, datet blutjunge Kellnerinnen, wird von schurkigen Schurken verkloppt und führt lakonische Dialoge. Das Ganze ist hart und schnell erzählt, großstädtisch eben und mit selbstironischem Augenzwinkern. Der Vampirkram fügt sich natürlich und unaufdringlich in die Geschichte ein, die damit einhergehende Brutalität gehört schlichtweg in diesen Entwurf der verfeindeten Clans und dreckigen Hinterhöfe. Ein Jungsbuch, könnte man meinen, aber das scheint mir zu kurz gesprungen. Charlie Huston ist einfach ein großartiger Unterhalter. Hey, Mr. David Fincher, mach doch mal nen Film draus – wie man den rotzigen Look hinkriegt, weißt Du ja.

Wenn ich hier schon über Jungs- und Mädchenbücher lamentiere, dann ist Charlaine Harris vermutlich eher eine Mädchenautorin. Ihre Hauptfigur Sookie Stackhouse, Gedanken lesende blonde Kellnerin aus Lousiana, lebt in einer Welt, in der Vampire an die Öffentlichkeit gegangen sind und mitten unter braven Bürgern ihr Unleben fristen. Möglich ist das, weil die Japaner (klar, wer auch sonst) synthetisches Blut entwickelt haben – gebissen wird offiziell nur noch zum beiderseitigen Vergnügen. Und als die reizende und patente Sookie mit dem Vampir Bill eine Affäre beginnt, wird sie so geschwind wie unfreiwillig in das übernatürliche Business hineingezogen, was ihr nicht unbedingt zum Vorteil gereicht: Dort gibt’s nämlich ordentlich aufs Maul. Dass dieser Stoff mit all seinen charmanten Südstaaten-Protagonisten ein gewaltiges innovatives Potential hat, ist auch dem Fernsehsender HBO nicht verborgen geblieben: Die erste Staffel von »True Blood« läuft in den USA außerordentlich erfolgreich. Bedanken darf man sich dafür übrigens beim kongenialen Serienbastler Alan Ball (»Six Feet Under«).

Gar keine Frage, die Liste fähiger Autoren ist beachtlich – doch die einschlägigen Verlage tun ihr Bestes, um den Vampirinteressierten vom Buchkauf abzuhalten. Das Stichwort heißt Covergestaltung: Mit dem Großteil der zeitgenössischen Vampirliteratur möchte man nicht tot über dem Gartenzaun hängen, so geschmacklos und klischeehaft präsentieren sich die Werke. Ein Rätsel, denn inhaltlich ist man doch zum Teil ganz weit vorne. Aber da kann eine Charlaine Harris so gut erzählen wie sie will: Wenn ihre Buchcover mit komischem Glitzerlack und infantilen Illustrationen ausgestattet sind, dann vergrault das alle potentiellen Leser, die über einen Hauch ästhetisches Gefühl verfügen. Und das ist nur eins von vielen scheußlichen Beispielen, denn auch auf den armen Charlie Huston wurden offenbar blutrünstige, blinde, wahnsinnige Verlagsgrafiker angesetzt. Schade.

In dieser Hinsicht muss sich der Literaturbetrieb eine daumendicke Scheibe von der Filmindustrie abschneiden. Die vermarktet das Thema Vampir nämlich zumeist augenfreundlich. Letzten Endes bleibt einem ja nichts anders übrig (es sei denn, man entwirft sich selbst einen optisch anspruchsvollen Buchumschlag), als abfällige Blicke in der Bahn aufrecht zu ertragen. Aber was wissen die denn schon, diese Sterblichen? Eben.


2 Antworten auf “Dracula goes Neuzeit: Ein unvollständiger und höchst subjektiver Anriss.”


  1. 1 cap 09. Oktober 2009 um 1:40 Uhr

    true blood ist echt großartig. nette serie.

  1. 1 True Blood « medium – wenn schon n3rd, dann richtig! Pingback am 08. Oktober 2009 um 11:40 Uhr
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