Die Postkarte Teil 1

Illustration: Zero Cents

Von Moritz Jasper Kuhn

Hallo Fabian,
schöne Grüße aus Boizenburg!
„Wo zur Hölle ist Boizenburg?“ wirst du fragen. Boizenburg liegt an der Elbe, in der Zone. Nach der Annektierung durch die BRD wurde die Kleinstadt so etwas wie ein Vorort von Hamburg. Das ändert aber nichts daran, dass wir uns hier im finsteren Mecklenburg-Vorpommern befinden, wo kahlrasierte Hansafans angetrunkene Rentner mit den Worten: „Soll ich dich umhauän odär was?“ aus der Fußgängerzone verteiben. Wir können es ihnen nicht verübeln: Das letzte spannende Ereignis in dieser trostlosen Gegend; die Abschlachtung eines Ehepaares durch zwei Teenager , liegt mehr als zwei Jahre zurück. In der Hoffnung mehr über die Tat zu erfahren, suchen wir das Elbe-Gymnasium auf, wo die beiden Jugendlichen zur Schule gingen. Leider haben die Sommerferien soeben begonnen und der Hausmeister kann uns auch nicht weiterhelfen. Nur eins weiß er sicher: „Die Medien waren schuld. Demnächst wird es sogar ein Gesetz geben, dass Kinderpornographie im Internet erlaubt.“ Da sind wir baff und müssen auf den Schock erstmal was essen. Die Fuzo-Nazis waren so freundlich uns einen Imbiss zu empfehlen: „Där is Grichä odär Italienär“, so genau weiss man das nicht. Und tatsächlich: Die Speisekarte beinhaltet nicht nur Pizza und Pasta, sondern auch Gyros und Döner. Wir streiten uns, ob das nun eher griechisch oder italienisch ist und einigen uns schließlich auf die goldene Mitte: So muss albanische Küche schmecken. Das Gyros besteht aus Jahunderte alten Eingeweiden der letzten Blutfehde und das Lübzer zieht schleimige Fäden. Ich trenne mich von meinem Begleiter und schleppe mich mit Magenkrämpfen zum Regionalexpress nach Hamburg. Zwischen Schwarzenbeck und Bergedorf übergebe ich mich ausgiebig.
Moritz.


1 Antwort auf “Die Postkarte Teil 1”


  1. 1 „Wo zur Hölle ist Boizenburg?“ « USELESS Pingback am 20. Oktober 2009 um 17:03 Uhr
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