Wann wird es mal wieder richtig Sommer?

Illustration: Losef

Nina Scholz untersucht, ob das Gejammer über die exzessiven Explosionen im Blockbustersommer 2009 bloß einer wiedererwachten Sehnsucht nach dem Autorenfilm entspringt und ob der Actionfilm tatsächlich noch zu retten ist vor dem Feuilleton.

Jedes Jahr startet das Sommerkino mit seinen bombastischen Blockbustern und es beginnt aufs Neue das gleiche Spiel: Vielbeworbene Filme in Spots, auf Plakatwänden und in Pop-Up-Fenstern im Internet. Bilder von Premieren auf Weltreise durch die Hauptstädte, Stars auf dem immer gleichen roten Teppich, Zuschauer vor Multiplex-Kinos mit Popcorn in der Hand. Meist hagelt es Verrisse in seriösen Blättern, selten liest man wohlgesonnene Kritiken. Dort wird den meisten Blockbustern reines Spektakel vorgeworfen, Kunstwerke ohne Zweck zu sein, Oberflächengetöse ohne inneren Kern und symbolische Handlungsvertiefungen sowie das kostspielige Aneinanderreihen von sinnentleerten Bildern. Ende der 1970er, als das Konzept des Blockbusters in Hollywood entwickelt wurde, ging es ökonomisch darum, das Hollywoodkino nach einer Dürreperiode wieder in Vormachtstellung zu bringen. Filmemacher waren beeinflusst vom europäischen Kino und seiner Erzählstruktur, handwerklich blieben sie aber den Hollywoodmaximen treu. Der Blockbuster ist eines der ökonomisch erfolgreichsten Kulturprodukte und gleichzeitig eine der risikoreichsten Unternehmungen, lassen sich die Erfolgsaussichten dieser investitionsreichen Megaprojekte doch zumeist kaum voraussagen. Um das Risiko trotzdem zu minimieren, setzen die Filmfirmen auf Sequels, Merchandising und tradierte Erscheinungsdaten wie Weihnachten oder eben in den Sommerferien. Gleichzeitig entstehen in der Kluft zwischen künstlerischer Freiheit durch große Produktionsetats und der Produzentenforderung, konservativ zu bleiben, Bewährtes wieder ähnlich zu filmen und angesichts der Investitionen keine zu hohen finanziellen Risiken einzugehen, teilweise großartige Filme. Da braucht man nur an »Star Wars«, »Jaws« oder »Pirates of the Carribean« zu denken. Blockbuster sind außerdem ein rein amerikanisches Konzept, das in Europa, und vor allem in Deutschland, mit seinen verhältnismäßig kleinen Produktionen und dem politisch-verquasten Wust aus pädagogischer, staatlicher Filmförderung, kaum denkbar ist. Hollywoodfilme sind aber keine uniformierte Massenware, auch wenn der gleichförmige Warencharakter des Blockbusters dieses vermuten ließe.

Kathryn Bigelow, die in den 90ern mit Filmen wie »Point Break« oder »Strange Days« bekannt wurde, hat nach dem Flop »K 19 – The Widowmaker« und ein paar wenigen irrelevanten Ausflügen zum Fernsehen, endlich wieder einen Actionfilm gedreht. »The Hurt Locker« spielt 2004 in Bagdad und begleitet drei Mitglieder der amerikanischen Armee-Sektion E.O.D., die darauf trainiert wurden, selbstgebaute Bomben zu entschärfen, durch ihren 39-tägigen Einsatz. Sergeant William James (Jeremy Renner) ist neu im Team angekommen, nachdem sein Vorgänger Sergeant Matt Thompson, gespielt von Guy Pearce und eine der wenigen hochkarätigen Hollywoodbesetzungen in »The Hurt Locker«, beim Entschärfen einer Bombe getötet wurde. Die anderen beiden Teammitglieder Owen Eldridge (Brian Geraghty) und Sergeant J.T. Sanborn (Anthony Mackie) haben sichtliche Probleme, ihr neues Einheitsmitglied zu akzeptieren. Einerseits haben sie den Tod des vorherigen Einsatzleiters noch nicht verkraftet, andererseits gibt William James auch keinen Anlass ihm zu vertrauen. Sie haben einen der gefährlichsten und komplexesten Jobs im Irak und ihnen wurde ein Gefahren liebender Cowboy vor die Nase gesetzt. Als er besonders gefährliche Bombenkabel entsichern muss, entledigt er sich des Helmes.

»The Hurt Locker« ist ein Actionfilm über das Leben in einem Kampfgebiet, über das Überleben in einer Schlacht, deren Monster nicht sichtbar, nicht überlebensgroß, aber permanent tödlich sein können. »The Hurt Locker« kann aber nicht nur als Actionfilm, der von den Erfahrungen im Krieg berichten will, gelesen werden, sondern darüber hinaus auch als Kommentar zum Actionfilm selbst. Gleich am Anfang des Filmes wird die technische Überlegenheit der Maschinen, aber auch die scheinbare Gefahrenlosigkeit der Explosionen für den Helden, von der andere Actionfilme oft erzählen, außer Kraft gesetzt: Man sieht einen kleinen Roboter auf Schienen durch die Wüste fahren, er rumpelt ein bisschen vorwärts, fällt dann kaputt um. Der Mensch muss jetzt doch zum Einsatz kommen und die Bombe entschärfen. Kurz darauf ist Sergeant Matt Thompson, William James’ Vorgänger, tot. Als weiterer Metakommentar kann der Einsatz der Explosionen gelesen werden. Explosionen sind das zentrale Thema des Films, es geht um Bomben, deren (mögliche) Explosionen und ihre Entschärfung. Trotzdem verhandelt der Film nicht den actionfilmtypischen Explosionsfetisch. Nicht an jeder Ecke und an jedem Ende wird der Zuschauer durch einen Boom-Hagel aus der Geschichte, aus Raum und Zeit geschleudert. Ganz im Gegenteil: Man hört kaum Explosionen, die Stille, das Nicht-Explodieren, das fehlende Wissen darüber, ob die Bombe explodieren wird, sind die eigentlichen Gefahren in diesem Film. Wenn eine Bombe explodiert, dann fliegt eine unübersichtliche Menge Wüstenstaub in die Kamera, die erschüttert wird, bis der Zuschauer die Orientierung verliert. Blut fliegt in Richtung Kamera, der Zuschauer steckt kurzzeitig im Inneren des Helms. Bigelows Actionkino ist Körperkino. »The Hurt Locker« wird als realistisch empfunden, weil man sich die körperlichen Strapazen der Schauspieler vorstellen kann, besonders als Gegensatz zu den Blue- und Greenboxtechniken der meisten Actionfilme, die heutzutage gedreht werden. Sie erreicht diesen Realitätseffekt auch durch eine bewusst inszenierte Körperlichkeit am fast-originalen Schauplatz in Jordanien, nahe der irakischen Grenzen, und dem Einsatz der Handkameras, die für sie ein unideologisches, postmodernes Werkzeug zum Erzeugen von Realität ist. Es geht ihr, bei aller Genauigkeit und journalistischer Recherche, die dem Film voraus ging, nicht darum, Realität abzubilden. »The Hurt Locker« ist ein klassischer Actionfilm, der sich stellenweise gut als Experimantalfilm tarnt. Der Einsatz der Handkamera sorgt für Subjektivierung, Entschleunigung, schnelle Schnitte wechseln sich mit verlangsamten Episoden ab, ein halluzinogenes Gefühl von Anwesenheit und Nichtanwesenheit in einem real verortbaren Raum tritt ein und damit das Gefühl, ein Teil der Handlung zu sein; eines der Ziele einer Actioninszenierung im Kino.