Wann wird es mal wieder richtig Sommer?

Auch die Wahl des Helden ist ein eindeutiges Bekenntnis zum Genre: Jeremy Renner, der William James spielt, ist ein eher unbekannter Hollywoodschauspieler. Seine Ausstrahlung beruht darauf, ein sympathisches, relativ gewöhnliches Gesicht mit Schlingelcharme und Tatkraft zu vereinen. Seinen Job erledigt er auf lässige Weise, man ist geneigt zu sagen: verzweifelt lässig. Und es funktioniert. Zumindest in der Schlacht ist er der Held ohne große Mühe, der den Schutzhelm auszieht, mal eben noch seine Handschuhe aus dem Gefahrenfeld holen muss, dabei immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Trotz oder eher gerade wegen der Gefahr. Bigelow hat schon immer Männer im Actionfilm inszeniert und das sehr bewusst. So wie es Bigelow nicht darum geht, politische Verhältnisse in Frage zu stellen, sollte man sie auch nicht mit einer feministischen Filmemacherin verwechseln, nur weil sie eine Frau ist. Sie versteht, dass der von ihr inszenierte Machismo Teil der Realitätserzeugung ist, die sie mit dem Film erreichen wollte. Bigelow kennt ihre Actioncowboys: Wenn die Soldaten an einem Abend in ihrer Containerkaserne nach genügend Schnaps beginnen, Zuneigung zu zeigen, geht das am Besten durch gegenseitiges Ellbogengepuffe. Die Krise der männlichen Identität ist der Urkonflikt des Actiongenres. Und auch in diesem Sinne experimentiert sie nicht großartig herum, sondern setzt Renners William James als Getriebenen, als vom Todestrieb beherrschten, ein. Er hat sein Leben in den USA zurückgelassen und damit dieses Leben »überlebt«. James kämpft im Irak nicht nur gegen die Terroristen, sondern auch um seine eigene Existenz. Der Job im Irak, die permanente Lebensgefahr, ist eine Reise in die eigene Unterwelt: Kann er seinen Weg heldenhaft durchschreiten, um am Ende wieder sterblich zu werden und sein Leben als Untoter zu beenden? In James’ Fall kehrt er zu seiner jungen Frau und dem kleinen Sohn zurück, aber nur um erneut seine rudimentäre Existenz bestätigt zu bekommen. Als lebender Toter war er im Irak erfolgreich, zurück in der Normalität, scheitert er an alltäglichen Erledigungen. Cornflakes im Supermarkt zu finden wird für ihn zur schwierigeren Aufgabe, als sich im Krieggebiet zurecht zu finden. Im Irak, umgeben vom Bund seiner Brüder, werden Gefühle wie Angst, Verletzlichkeit, Wut und Bewunderung in der Klammer des Konflikts rudimentär verwaltet. James ist ein klassischer Held: Unverwundbar angesichts des möglichen eigenen Todes, Pechvögel im Privatleben. Wir erinnern uns an unseren liebsten Actionhelden John McClane in den »Die Hard«-Filmen, der unablässig um seine Re-Bemannung kämpfte, aber nur im Kampf mit den Terroristen gewinnen konnte. Seine beruflich erfolgreichere Frau wollte ihn nie so richtig zurück.

In den 90ern musste sich Bigelow angesichts ihrer Action- und Männerinszenierungen die typischen Kritikervorwürfe gefallen lassen: Sie wurde als Gewalt-Junkie tituliert und immer wieder fiel der Vorwurf, dass ihre Filme durchgestylte Oberflächen ohne Bedeutung wären. Heute wird sie genau von diesen Kritikern mit Lob überhäuft: Sie sei eine Meisterin der Gewaltinszenierung, es gäbe keine verschwendeten Bilder, die Schönheit der Aufnahmen wird gelobt. Und immer wieder wird ihr Vermögen, in einem verortbaren Raum eine lineare Geschichte zu erzählen, hervorgehoben. Ihr wird mit »The Hurt Locker« der Verdienst zugesprochen, den Actionfilm vor seiner eigenen Opulenz gerettet und das endlose Aneinanderreihen von Explosionen unterbrochen zu haben. Es sieht so aus, als ob Bigelow einen für Hollywoodfilmemacher sehr klassischen Schritt unternommen hat: So wie sich der Blockbuster Ende der 70er Jahre den europäischen Autorenfilm einverleibt hat, erneuert Bigelow also mit den Mitteln des Arthouse-Kinos der 90er ihre Version des Action-Blockbusters. Kathryn Bigelow ist eine Oldschool-Hollywood-Filmemacherin, vor allem in dem Sinne, dass ihr das Hollywood-Credo vom Handwerk heilig ist, aber auch weil sie inmitten des Business gelernt hat, ihre Chancen einzuschätzen: Entweder Kontrolle über den eigenen Film im Independentbereich, was aber auch wenig Geld für Effects, Drehorte, Schauspieler usw. bedeutet, oder eine Major-Blockbuster-Produktion, dafür aber das umgekehrte Verhältnis. Sie hat sich diesmal für ersteres entschieden. Trotzdem ist »The Hurt Locker« kein Arthousekino für Oberflächenallergiker und Handlungsfetischisten. Bigelow interessiert sich vornehmlich für die Inszenierung der Spannung in einem geographisch verortbaren Raum, im Rahmen eines überschaubaren Zeitrahmens, nämlich eines normalen Tages einer Bombenentschärfungs-Einheit in Bagdad. Die Feinde sind unsichtbar und real gleichzeitig: jeder potenzielle Attentäter kann mit einem Handy eine Bombe hochgehen lassen; der dadurch erzeugte Verfolgungswahn erzeugt ein kaum zerreißbares Band der Spannung. Bigelow ästhetisiert ihr Sujet in fast vollkommener Perfektion. Inhaltliches wird über die Oberfläche vermittelt. Stille, Explosionen, Klaustrophobie und die Verrücktheit, die einen irgendwann in diesem Krieg erreicht, sind die Koordinaten auf der Filmleinwand, die die ehemalige Malerin und gelobte Künstlerin Bigelow hier zeichnet.

»The only thing important is where somebody’s going«, sagt dagegen Michael Manns Held, der heroisierte Bankräuber John Dillinger, gespielt von Johnny Depp in Manns »Public Enemies«. Die Kulisse ist hier das Amerika zu Zeiten eines anderen Krieges, des innenpolitischen »War on Crime«. »Public Enemies« ist ein filmrealistisches Portrait einer depressiven Zeit für ein fiktionales, historisches Amerika. Der Feind ist hier ein ganz konkreter, fassbarer: der staatliche Verbrecherjäger Melvin Purvis, gespielt von Christian Bale. Mann eröffnet mit einer Ausbruchssequenz den Film, virtuos inszeniert von Kamerablicken, die sich aus einiger Distanz immer mehr an die handelnden Figuren herantasten. John Dillinger sehen wir zu Beginn bloß als dunkle, geheimnisvolle Gestalt. Kameraführung und Handlung laufen hier synchron.